Anastasía – Meilensteine einer grenzenlosen Liebe
«Das Unbegreifliche der interkulturellen Liebe liegt eben darin verborgen, dass genau das Fremde und Andere, was dich magisch anzieht und fasziniert, sich andererseits im Alltagsleben allzu oft als abstoßender Stolperstein und Konfliktherd erweisen soll.»
Anastasía Anastasía – Meilensteine einer grenzenlosen Liebe
Stationen einer brückenbauenden, die Grenzen von verschiedensten Kulturen, Sprachen, Religionen, Generationen sowie Mentalitäten überschreitenden, leidenschaftlichen Liebe …
Durchlebt und durchlitten von zwei außergewöhnlichen Persönlichkeiten, dem deutschen Orientalisten Christoph Menrath sowie der bildhübschen Athener Anwaltstochter Anastasía Dimitríou, welche durch eine rein zufällige Begegnung am Front Desk eines Reisebüros, auf ihrem vom Schicksal begleiteten Weg zwischen unterschiedlichen Ländern und einschneidenden Lebenssituationen zueinander finden sollen. Eine leidenschaftliche, vielbewegte Liebesgeschichte, eingebettet in den geopolitischen Kontext unserer turbulenten Zeit, geprägt von Flüchtlingstragödien, blindwütigem Terror und politischer Ohnmacht.
Leseprobe
Seite 27 - 34
Teil 2: Anastasía – Αναστασία – »die Auferstandene«
»Ich bin nur ein einfaches griechisches Mädchen wie viele andere auch! Was mich vielleicht am meisten von meinen Altersgenossinnen unterscheidet, ist die Tatsache, dass ich es nie aufgegeben habe, an meine höchsten Ideale zu glauben und, wenn es sein muss, dafür auch hart zu kämpfen!« Anastasía
Alles beginnt in Athen
- Mai 1987: Anastasía Dimitríou wird im Sternzeichen des Stieres als zweites Kind der Athener Eheleute Dr. Kóstas und Kassándra Dimitríou im General Hospital of Amaliada in Athen geboren. Seit rund sechs Jahren ist Griechenland Vollmitglied der heutigen Europäischen Union. In diesen Tagen glauben die Menschen in dem vielfach als Armenhaus am südöstlichen Zipfel Europas verrufenen Land an eine bessere Zukunft. Auch der aus Thessaloníki stammende Rechtsanwalt Dr. Kóstas Dimitríou und seine aus Rethymno auf Kreta kommende Ehefrau Kassándra, gebürtige Konstantínou – eine gelernte Textilverkäuferin und Näherin – lassen sich in der zukunftsverheißenden Hauptstadt Athen nieder. Im Jahr 1983 kaufen sie eine geräumige Vierzimmerwohnung in einem Zweifamilienhaus im Stadtteil Ilioúpoli. Hier sollen auch Anastasías Geschwister Aléxandros und Theodóra das Licht der Welt erblicken und in der Kirche Agiou Dimitríou, gemäß griechisch-orthodoxem Ritus, getauft werden. 2003 eröffnet sich dann aber der jungen Familie die einmalige Option, in eine modernere, komfortablere und klimatisierte Fünfzimmerwohnung in einem neuerbauten Appartementblock, unweit der Kirche Agiou Dimitríou, im benachbarten Stadtteil Ágios Dimítrios, umzuziehen. Die drei Kinder Aléxandros, Anastasía und Theodóra wachsen im griechisch-orthodoxen Glauben sowie in einem gesunden patriotisch gesinnten, paneuropäischen Selbstbewusstsein auf. Trotz aller politischen und wirtschaftlichen Krisen der Zeit vertreten Dr. Kóstas und Kassándra ihren Kindern gegenüber immer ein ruhiges, ausgeglichenes Weltbild, welches jede Art von Hass, Fanatismus sowie Gewalt entschieden verurteilt. Zur Schule gehen die drei Kinder in die Agiou Pavloú-Grundschule in Ilioúpoli. An den Wochenenden nehmen sich Kóstas und Kassándra stets viel Zeit, um mit den Kindern an den Strand von Glifáda oder an die Felsküste sowie an den alten Hafen von Piräus zu gehen beziehungsweise im Sommer zu ihren eigenen Geschwistern und Eltern nach Nordgriechenland als auch nach Kreta zu reisen. Als Repräsentanten einer modernen nationalgesinnten Generation von Griechen soll auch für sie das Bereisen und Aufsuchen der heimatlichen Kulturgüter einen hohen Stellenwert behalten. Anastasía verbringt eine sorglose Kindheit in Ilioúpoli. In der Grundschule erlernt sie neben dem griechischen schon recht früh auch das lateinische Alphabet. Dank ihrer guten Noten bekommt sie von ihrem Klassenlehrer eine Empfehlung für das Gymnasium, und zwar das Lykeio Apostólon Pétrou kai Pavlou in Ilioúpoli.
Eine glückliche Kindheit und behütete Jugend in Ilioúpoli
Mit 14 Jahren besucht Anastasía das Lykeio Apostólon Pétrou kai Pavlou in Ilioúpoli. Bereits früh in ihrer Pubertät fällt sie Lehrern und Mitschülern durch ihr ausgesprochen schnelles Körperwachstum auf. Mit nur fünfzehneinhalb Jahren hat sie bereits ihre heutige Körpergröße von 1,78 Metern erreicht. In der Schule kommt sie grundsätzlich erfolgreich voran. Zu ihren Lieblingsfächern gehören Sport, Geschichte, Literatur und Religion. Wohlbehütet von ihrer Familie verbringt sie die von sengender Sommerhitze geprägten großen Ferien entweder in Kreta, auf der Peloponnes oder im hohen Norden des Landes. Doch ihr außergewöhnlich hübsches Aussehen, ihre fantastische Figur sowie ihr betäubender Charme können letztlich ihren Mitschülern nicht vorenthalten bleiben! So wird sie immer mehr von postpubertären Jünglingen umworben und hofiert. Auch ihren Eltern Dr. Kóstas und Kassándra kann diese Entwicklung nicht verborgen bleiben. Als Jurist und angesehener Mann der Athener Anwaltsszene will Dr. Kóstas Dimitríou in keinster Weise, dass seine Tochter als Modepuppe oder Anmacherin in Verruf gerät. Folglich überlegen er und seine Ehefrau Kassándra, ob letztlich eine griechisch-orthodox geführte Privatschule nicht doch das Beste für Anastasía wäre. Nach langem Überlegen kommen beide Eltern dann doch zu dem Entschluss, dass Anastasía im Lykeio Apostólon Pétrou kai Pavlou weiter verbleiben soll. Denn auch Theodóra und ihr älterer Bruder Aléxandros gehen beziehungsweise gingen den gleichen Schulweg. Nur mit dem Unterschied, dass Anastasía für immer eine Besonderheit bleiben wird … Dieses Mädchen ist und bleibt anders als ihre Altersgenossinnen! Ihr Interesse für Literatur, Philosophie, Geschichte und Kultur bleibt für viele ihrer Kameradinnen und Kameraden ein Stück weit unnatürlich. Wir sind im Sommer 2003 angelangt. Seit einem Jahr ist Griechenland Mitglied der Euro-Zone. Im ganzen Land herrscht eine wilde Aufbruchsstimmung. Alle Medien, Politikbetreibende und Wirtschaftsexperten predigen dem Volk, dass mit der Übernahme des Euro und der Aufgabe der Drachmen für das Land ein neues, gar goldenes Zeitalter angebrochen sei! Das ganze Land verwandelt sich in eine riesige Baustelle. Supermärkte, Autobahnen, S-Bahnen, neue, elegante Wohnquartiere sowie Immobilienmakler und Autohändler sollen alsbaldig wie Pilze aus dem Boden sprießen. Nicht zuletzt auch in Hinblick auf die bevorstehenden Olympischen Spiele des Jahres 2004 in Athen. Noch denkt niemand auch nur im Geringsten, dass dieser Trend einmal eine bittere Kehrtwende nehmen soll. Doch dazu dann später … Anastasía wächst als ein Bürgerskind der neuen »Jeunesse dorée« auf. Das heißt jener jungen griechischen Generation, welche sich den Lebensfreuden und Genüssen jeglicher Art vorbehaltlos hingeben kann, da sie nicht mehr an die Grenzen, Entbehrungen und Einschränkungen der vorhergehenden Generationen gebunden sein soll. Mit dem dritten Jahrtausend scheint Griechenland in ein goldenes Zeitalter hineingeschlittert zu sein. Dies bestätigt sich neben den wirtschaftlichen Erfolgen auch darin, dass sich Griechenland 2004 in Portugal zum Fußball-Europameister emporschwingt. Doch der Schein soll trüben … Das Jahr 2005 wird für Anastasía zum Entscheidungsjahr. Im Lykeio Apostólon Pétrou kai Pavlou legt sie ihr Abitur mit mittelmäßigen Leistungen ab. Schließlich sollten für sie diszipliniertes Büffeln und Pauken neben ihren kleineren Liebeleien und Romanzen nur zweitrangig bleiben! In einem Griechenland der Aufbruchseuphorie, in dem die Zukunft rosarot zu werden scheint und folglich der Jugend all jenes versprochen wird, wovon die vorhergehenden Generationen nur hätten träumen können, kann Anastasía gemäß ihren Eltern frei ihr Berufsziel und ihre Studienrichtung wählen! So schreibt sie sich dann zum Herbstsemester 2005/06 in der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Athen ein. »Gehe dorthin, wo dein Herz dich hinzieht. Und das Glück soll dir verheißen sein!«
Die Jahre des Suchens und Studierens
Im Oktober 2005 beginnt Anastasía ihr Studium der Geschichte und Philosophie, mit dem Studienziel »Höheres Lehramt«. Obwohl sie sich seit ihren Kindheitstagen zutiefst für die Geschichte und Kultur ihrer griechischen Heimat interessiert, kann sie sich in ihrem Innersten zuletzt nicht mit dem Gedanken anfreunden, später einmal mit halbstarken Jugendlichen in einem städtischen Gymnasium ihren Lebensunterhalt bestreiten zu müssen. Hinzu sollen auch noch diverse Bauchpinseleien ihrer nicht gerade wenigen männlichen Verehrer aus ihrem studentischen Umfeld kommen. Innerlich spürt sie, dass sie viel mehr wert ist, als sich von immer respektloser werdenden Jugendlichen im neoliberalen Griechenland verheizen lassen zu müssen! Nach drei Semestern ist dann – auch in gemeinsamer Überlegung mit ihrem Vater Dr. Kóstas – in ihr der Entscheid gereift, von Philologie auf Betriebswirtschaft umzusatteln. Demzufolge nutzt sie die Zeit – sozusagen als Auszeit –, um sich als Au-pair-Mädchen in einer britischen Familie in Cambridge, über die lange Sommerpause hinweg, zu verdingen und nützlich zu machen. Was ihr auch voll und ganz gelingen soll! Hierbei sei eines noch anzuführen: In den letzten Jahren hat es sich in Griechenland vermehrt eingebürgert, dass junge Frauen und Studentinnen, jeweils für eine befristete Zeit als Nanny oder Au-pair-Mädchen, nach Großbritannien, in die USA oder auch nach Deutschland gehen, um im Rahmen einer Gastfamilie die dortige Sprache, Kultur und Lebensweise hautnah erleben sowie kennen lernen zu können. Dank der guten internationalen Kontakte ihres Vaters kann sie für ein Dritteljahr in einer dort angesehenen Anwaltsfamilie unterkommen. Als leidenschaftliche Köchin sowie gute Stickerin und Näherin, die sie als Tochter einer gelernten Schneiderin nun mal von Haus aus ist, soll ihr der Zugang zur familiären Hausarbeit leicht fallen. Diese Stärken ergänzen sich harmonisch mit ihrer äußerst kinder- und tierlieben Art, welche ihr schon recht schnell den Weg zu den Herzen ihrer angelsächsischen Gasteltern öffnen soll. Somit ermöglicht ihr der enge Kontakt mit der Gastfamilie den raschen Zugang zur englischen Sprache, die sie innerhalb nur kurzer Zeit außergewöhnlich schnell in sich aufnehmen und perfektionieren wird. Und so lieben Kinder, Eltern und Großeltern der Gastfamilie »Our sweet nanny Tási« – wie sie sie von Anfang an nennen – bereits von der ersten Stunde an. Jene hübsche, hochgewachsene Nanny aus Griechenland mit den schönen schwarzen langen Haaren und funkelnden großen Mandelaugen. Die beiden kleinen Kinder der Familie, Laura und David, erweisen sich schon nach recht kurzer Zeit geradezu wie in Anastasía vernarrt. Immer wollen sie mit ihr spielen und um sie zugegen sein. Intuitiv spüren die beiden Kleinen das liebende, mütterliche Herz der jungen Frau aus dem fernen mediterranen Süden. Und so kann es einen nicht verwundern, dass ihr die Kinder, nach der Rückreise gen heimatlichen Süden, mit vielen Tränen noch lange nachweinen werden … Doch Anastasía genießt außer dem Familienleben ebenso die vornehme, distinguierte Art und die guten Umgangsformen ihrer britischen Gastgeber. Auch, was die vielfach verfemte Esskultur der Briten anbelangt, zeigt sich Anastasía durchaus positiv überrascht! In vielen kleinen exotischen Restaurants der berühmten Universitätsstadt Cambridge entdeckt sie frischzubereitete Spezialitäten und Köstlichkeiten aus aller Welt. Einzig der oft verregnete, graue Himmel macht ihr als Kind des Mittelmeeres hin und wieder Mühe und erweckt in ihr ein gewisses Heimweh. Andererseits genießt sie die frischen grünen Wiesen und Farben sowie den kühlen Wind im Gegensatz zu der oft bis 40 °C heißen, stickigen Luft in den Häuserschluchten des sommerlichen Athens. Leichter Nieselregen sowie das sich im Wind bewegende Gras der Wiesen und Weiden … Alles Dinge, welche sie sich in ihrer von sengender Hitze geprägten Heimat zu dieser Jahreszeit unmöglich vorstellen kann. Als waschechte Griechin ist ihr trotz allem ein Sommer mit mindestens 35 °C zehnmal lieber! Doch bekanntlich kann man im Leben nicht alles auf einmal haben … In diesen rund vier Monaten soll Anastasía viel über Familie, Kinder-, Garten- und Tierpflege, Hauswirtschaft sowie das Alltagsleben in einem fremdsprachigen Land lernen. Erfahrungen, welche ihr dann zu einem recht baldigen, späteren Zeitpunkt noch sehr nützlich sein sollen … Nach ihrer Rückkehr nach Athen, Ende Oktober, beginnt sie ihr Bachelor Business Studium an der Technischen Universität von Piräus T.E.I. – Ziel ihrer Ausbildung ist von nun an die Bankenbranche. Obwohl sich zu diesem Zeitpunkt Griechenland noch weit von der Eurokrise entfernt sieht und sich im Rausch des anhaltenden – durchwegs auf Misswirtschaft basierenden – Baubooms wiegt, fühlt sich Anastasía in der Businesswelt mehr verwurzelt als in der pädagogisch-geisteswissenschaftlichen Fakultät. Nach gut dreieinhalb Jahren schließt Anastasía erfolgreich ihren Bachelor Business mit Fokussierung auf »International Banking« ab. Mit ihrem frischgebackenen Universitätsdiplom in der Hand verlässt sie im Spätherbst 2010 die Technische Universität von Piräus T.E.I. Auch für ihren Vater Dr. Kóstas Dimitríou steht eines fest: Mit ihrer jetzigen beruflichen Qualifikation, ihrem familiären Einfluss als Tochter eines erfolgreichen Athener Rechtsanwalts und nicht zuletzt auch dank ihrer bestechenden Schönheit kann ihr nur eine goldene Zukunft unter dem hellenischen Himmel beschieden sein! In ihren späteren Lebensjahren wird sie sich des Öfteren noch eingestehen wollen: »Nein, ich habe auf Business nur umgesattelt, um möglichst schnell einen Brotberuf zu haben. Aber in meinem Herzen haben mich die Geschichte und Literatur Griechenlands sowie die Theologie immer viel mehr interessiert. Aber im Nachhinein weiß man eben immer alles besser als zuvor!« Doch der Wind der Geschichte sollte wieder einmal mehr drehen. Nicht nur für Anastasía, sondern vor allem für die gesamte griechische Nation! Schon seit geraumer Zeit munkelte man über große Staatsdefizite, undurchschaubare Bankgeschäfte sowie von einer anscheinend ins Uferlose wachsenden Staatsverschuldung. Doch bis anhin werden solche Überlegungen noch als unbegründete Gerüchte blindlings vom Tisch gefegt! Hat doch Griechenland nicht erst vor acht Jahren den Euro als einer der ersten EU-Mitgliedsstaaten angenommen, um nun seiner verheißenden, goldenen Zukunft entgegensteuern zu können? Nein, dem sollte leider nicht so sein. Nachdem Anastasía eine erste Stelle in einer Privatbank als Sachbearbeiterin im Devisengeschäft antritt, soll es dann zur bitteren Stunde der Wahrheit im Sommer 2011 kommen: Die Würfel sind gefallen und die Katastrophe ist nun unaufhaltbar und ungeschminkt für jedermann greifbar: Griechenland steht vor dem kompletten Staatsbankrott! Vorgetäuschte Sparmaßnahmen seitens der Regierung, Massendemonstrationen, Kapitalflucht und massenweise Firmenkonkursmeldungen stellen das südosteuropäische Land vor die größte Herausforderung seiner Nachkriegsgeschichte. Rettungsschirmpolitik von Seiten der Europäischen Zentralbank, Hilfsmaßnahmen seitens der Brüsseler EU-Administration sowie eine harte, aufoktroyierte Sparpolitik seitens der griechischen Regierung prägen von nun an die Tagesthemen. Griechenland ist somit zur Marionette beziehungsweise zu einem Spielball der Brüsseler EU-Technokraten degradiert worden. Und folglich nicht mehr wert als das! Entsprechend traurig zeigt sich die griechische Wirklichkeit in jenem Hochsommer des Jahres 2011: Abwertung des Euros auf den internationalen Finanzmärkten als auch Anfeindungen gegen Griechen im Ausland, welche als die verantwortlichen Sündenböcke der ganzen Misere hingestellt werden. »Ach, wie sehr hat sich das Leben in nur so kurzer Zeit in unserem Alltagsleben verändert.« So Anastasías unaufhörlich sie quälende Gedanken.
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Ausländerin sein: als Freiwild auf dem Servierteller gelüstender Arbeitgeber
In der Zwischenzeit sind wir im Frühjahr 2016 angekommen. Seit rund eineinhalb Jahren arbeitet nun Anastasía – wie bereits erwähnt – in besagter Zürcher Boutique für mediterrane Damenmode. Auch wenn Bezahlung und Sozialleistungen für sie als Ausländerin durchaus stimmen mögen, so setzt ihr das tägliche Pendeln mit dem Zug von Luzern nach Zürich kontinuierlich zu! Aber dies wäre alles noch zu ertragen, zumal sie zuletzt in Athen auch immer zwischen Agios Dimítrios und Glifáda hin und her pendeln musste. Aber, und hier kommt es eben wieder: Die »alte Leier« sind und bleiben nun mal die Männer! Obwohl die Boutique auf Damenmode spezialisiert ist und ihr Chef durchwegs ein sachlicher, sehr zurückhaltender Typ ist, darf sie das Pokerspiel nicht ohne die männlichen Lieferanten sowie Firmenvertreter als Joker machen! Denn genau deren Blicken kann Anastasías Äußeres nicht entgehen. Und so häufen sich immer mehr die Termine, an denen irgendwelche Zulieferer oder Produktvertreter plötzlich in der Boutique auftauchen, mit Anastasía zu flirten beginnen und etwas gar zu schnell über deren Oberschenkel kitzelnd streicheln wollen … Rein aus Loyalität ihrem Chef gegenüber, schlägt sie vorerst noch den Weg des passiven Widerstands ein. Doch dann kommt sie immer mehr mit dem Vorwand, dass sie dringend auf die Toilette müsse, wobei sie dann eine andere Kollegin rufe, welche den Herrn gern zur Verfügung stünde, um mit ihnen die Zulieferung oder die Werbemodelle zu erledigen. Doch im Innersten beginnt die ganze Sache Anastasía erneut anzuwidern! Immer wieder diese aufschneiderischen Kerle, die anscheinend nichts anderes unter ihrer Schädeldecke zu hegen pflegen, als jenes Bedürfnis, ihre unerfüllte Libido an ausländischen Frauen befriedigen zu können … Zurück bei ihren Verwandten in Luzern schaut sie sich im Internet nach neuen Stellen, und damit ihr eher entsprechenden Herausforderungen, um. Doch dann auf Anraten von Tante Eléni hin, lanciert sie ihre Stellensuche auf den Bereich Tourismus, Reisebranche und Hotelerie. Recht bald soll sie dort auch die Ausschreibung einer Stelle in einem auf Griechenlandreisen spezialisierten Reisebüro namens Manteio-Reisebüro, in Zürich-Oerlikon, welches von einem Halbgriechen und seiner Frau geführt wird, finden. Das Stellenprofil sagt ihr durchwegs zu: Einerseits 60 % Tätigkeit am Front Desk (gute Englisch- und Griechischkenntnisse vorausgesetzt beziehungsweise gute Deutschkenntnisse von Vorteil), sowie 40 % Buchhaltung im Back Office. Anastasía zögert keinen Augenblick, sich unmittelbar auf diese Stelle hin zu melden. So soll es nicht allzu viel Zeit benötigen, bis sie ihren erwünschten Zuschlag erhält. Demzufolge kann sie nun per Ende Mai 2016 von ihrer Tätigkeit in der Boutique hin zum Reisebüro überwechseln. Ihrem neuen Arbeitgeber passt sie vollends in dessen erwünschtes Profil: Griechin von der Herkunft, jung und dynamisch, Business-Hintergrund, sportlich und obendrein noch sehr kontaktfreudig! So bleibt der Sommer 2016, ab 01. Juli, vom Sich-Einarbeiten am neuen Arbeitsort geprägt. Infolge der politischen Wirren in der Türkei ist der Türkeitourismus um 70 % zurückgefallen. Einer der Hauptprofiteure dieser Entwicklung bleibt neben Spanien erfreulicherweise auch Griechenland! So muss Anastasía viele Kunden, überwiegend Schweizer und Deutsche mit griechischen Wurzeln, beraten und Spezialreisearrangements buchen. Die Arbeit an sich bleibt abwechslungsreich und interessant, wenn sich da nicht das altbekannte Problem vergangener Tage wieder immer stärker abzuzeichnen beginnen würde! Und zwar ihre magisch charmante Ausstrahlungskraft auf eine gewisse, emotional unerfüllte Männergruppe! So fällt es auch recht bald schon ihren beiden Arbeitskolleginnen auf, dass immer die gleichen Herren ins Manteio-Reisebüro kommen, darum wohl wissend, von Anastasía zu diesem Zeitpunkt bedient zu werden … Verkaufsorientierte Kundengespräche mit recht baldigem Geschäftsabschluss bleiben bei diesen Begegnungen jedoch eher von sekundärer und marginaler Bedeutung, um nicht gar zu sagen, völlig irrelevant. Nein, es geht hier eigentlich um etwas ganz anderes! Ihre potentiellen Verehrer beichten ihr am Front Desk ihre ganze Lebensgeschichte, äußern den Wunsch, sie in die feinsten Restaurants der Stadt einzuladen beziehungsweise sie quasi als Prêt-à-porter in ihre Designer-Wohnung nach allerletztem Hype mitnehmen zu dürfen. Und einer scheut sich dann auch keineswegs, ihr unverblümt am Front Desk seinen Heiratsantrag zu unterbreiten! Ja, durchaus zukunftsträchtige Perspektiven und Angebote, welche sich dort der jungen Griechin bereits während ihrer Probezeit offerieren sollen! Da kann man wirklich nichts anderes mehr dazu sagen! Doch zu Hause in Luzern beobachten der inzwischen sehr betagte und kranke Onkel Ioánnis beziehungsweise Tante Eléni die ganze Entwicklung mit Argwohn und kritischem Blick! Immer wieder liegen sie Anastasía in den Ohren und predigen ihr. »Tási, bitte pass auf dich auf! Wie hast du es in Griechenland und anfangs noch hier in der Schweiz so schwer gehabt, eine gute Stelle zu finden! Und jetzt hast du endlich das gefunden, was du suchst. Darum halte dich bitte den Männern gegenüber zurück und konzentriere dich ganz auf deine Arbeit!« Immer wieder beteuert Anastasía, sich Mühe zu geben und in keinster Weise ihren Arbeitsplatz gefährden zu wollen. Doch dann bricht ein neuer Schicksalsschlag über ihre Verwandten und ihre Familie herein: Ende Juli 2016 stirbt ganz unverhofft ihr Onkel Ioánnis Papadópoulos an Herzversagen und wird zu Hause in Griechenland, in seiner Heimatstadt Larissa, beigesetzt. Zur Beerdigung fliegt Anastasía mit ihren Angehörigen für ein paar Tage nach Griechenland, um dann wieder am Front Desk im Manteio-Reisebüro präsent zu sein. Dort zeigt sich während den Sommermonaten das übliche Sommerloch mit weniger Kunden. Somit hat sie auch mehr Zeit, sich in ihrer buchhalterischen Tätigkeit im Back Office einzuarbeiten. Auch in Luzern-Littau ist es in ihrer Wohnung seit Frühsommer ruhiger geworden, zumal Aléxia und Iliás zwecks ihrer Studien und ihrer Ausbildung das elterliche Zuhause verlassen haben. So lebt sie mit ihrer Tante Eléni nun Anfang Juli 2016 allein in der schönen großen Vierzimmerwohnung. Oft tröstet sie am Abend ihre Tante, die sehr unter dem Schmerz des Todes von ihrem rund 20 Jahre älteren Ehemann leidet. Immer wieder erzählt diese Anastasía, wie gut ihre Ehe war. Aber auch, wie hart das Leben für sie beide als Ausländer in der Schweiz war und wie Onkel Ioánnis als Elektromechaniker, welcher Radio- und Fernsehgeräte reparierte, es dann doch noch zu ein wenig Erspartem gebracht hatte … Anastasía hilft auf ihre rührende und einfühlsame Art, ihrer Tante Trost, Wärme und Beistand in jenen schweren Tagen zu schenken. Gerade in einer Zeit, in der sie nur noch zu zweit in der großen Wohnung übrigbleiben. Denn am Tag arbeitet Tante Eléni als Verkäuferin in einem Souvenirladen in Luzern und Anastasía in Zürich. Am Abend sehen sich die beiden Frauen gegen halb sieben in der Wohnung wieder. Entweder Anastasía oder ihre Tante kaufen unterwegs auf dem Heimweg noch etwas ein, bevor sie sich dann in der Küche an die Zubereitung des Abendessens machen, bei dem es nach gut griechischer Art wahrlich an nichts fehlen darf! Schließlich sind beide, Anastasía und Tante Eléni, griechische Frauen, denen gutes Essen etwas Heiliges bleibt! Am Morgen heißt es dann wieder früh raus, mit dem Bus zum Bahnhof nach Luzern und ab nach Zürich. Im Manteio-Reisebüro plätschern die Tage ruhig, gelassen und etwas unbewegt vor sich dahin. Bis zu jenem schicksalsträchtigen Dienstag, dem 05. Juli 2016, als plötzlich, kurz nach 09:30 Uhr, ein unbekannter Kunde am Front Desk steht und Anastasía hinter ihrem Computer aufsteht, um diesen auf Englisch mit den Worten: »Hello. How can I help you?«, höflichst zu begrüßen.
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Zürich, Finanzmetropole an der Limmat: Leben als Deutscher zwischen Ausgrenzung und Kosmopolitismus
»Die Limmat-Metropole war mir als Deutscher bis anhin nur als großer Bankenplatz und Drehscheibe des Weltkapitals bekannt. Niemals hätte ich im Traum daran gedacht, hier jemals zu landen. Doch wie so oft in meinem Leben, sollte dann der Wind wieder einmal mehr in eine ganz andere Richtung drehen. «Aus Christophs Tagebuchaufzeichnungen: »Erinnerungen eines Saarländers auf Reisen« Nach der Arbeit nimmt Christoph die Straßenbahn beziehungsweise den Bus, um in den eher etwas abseits gelegenen Stadtteil Leimbach zurückzukehren. Dort isst er gemütlich zu Abend und stürzt sich alsdann an seinen Laptop, um Recherchen, Kursvorbereitungen oder sonstiges zu tätigen. Längstens hat er begriffen, dass sich die Mentalität in Zürich nicht mit der leichtlebigen oder geselligen Wesensart des Saarländers, Pfälzers oder auch Bayers vergleichen lässt. Trotz der geografischen Nähe zeigt sich ihm hier ein ganz wesentlicher Mentalitätsunterschied zwischen dem vom Zwinglianismus geprägten Zürcher und dem grundsätzlich eher kontaktfreudigen Menschenschlag in Süddeutschland. Die Menschen hierzulande geben sich wohl sehr korrekt und formell höflich, jedoch freundschaftlich warm kann man mit ihnen kaum werden! Und somit eröffnen sich ihm auch immer mehr Kontakte mit Deutschen, die an der ETH (Eidgenössischen Technischen Hochschule) oder an anderen universitären Instituten der Stadt arbeiten. Dies lässt in ihm die Erkenntnis reifen, dass es hierzulande für einen Nichtschweizer äußerst schwierig ist, tiefer gehende Kontakte knüpfen oder aufbauen zu können. Die Bezahlung hingegen stimmt voll und ganz! Somit eröffnet sich ihm bereits im April 2015 die Möglichkeit, in Richtung Südindien und Sri Lanka aufbrechen zu können. Während knapp eines Monats wird er die magischen Metropolen Mumbai, Bangalore, Mysore, Chennai als auch die tamilische Provinz Jaffna in Sri Lanka besuchen. Abenteuerlich, exotisch, fern, unberechenbar und trotz allem einfach faszinierend. Ein Weltenbummler in seinem Element zwischen Kühen auf den Straßen, bildschönen Frauen in Saris, schweißtreibender tropischer Hitze und feurig scharfgewürzten Speisen. Christoph fühlt sich voll in seinem Element und genießt vor allem die Spontaneität der Menschen an diesem anderen Ende der Welt. Nach guten vier Wochen kommt er wieder nach Zürich zurück. Dort erwarten ihn auch schon neue Kurse, neue Kursteilnehmer sowie neue Aufgaben. Doch der Rubel rollt und vor allem: »Wessen Brot ich esse, dessen Lob ich nun einmal trällere!« – so seine pragmatische Devise. Christoph verbringt die ganze Woche im Institut. Wenn er nicht unterrichtet, so lanciert er Recherchen oder liest eifrig Werke bezüglich seines Fachgebietes. Nur mit den Zürchern an sich will er einfach nicht richtig warm werden! Egal ob in Ankara, Beirut oder auch Saarbrücken: Kontakte zu finden war für ihn noch nie ein Problem! Doch gerade hier in Zürich scheint ihm so eine Art unsichtbarer Vorhang zu existieren, welcher Schweizer von Ausländern klar und deutlich trennt.
»My job is my castle« oder mein Beruf ist mein Zuhause
»Ich habe nie von mir behauptet, ein Workaholic zu sein. Ganz im Gegenteil: Als Halbfranzose, wie man uns Saarländer oft betitelt, würde ich mich eher in die Kategorie der Lebenskünstler und Bonvivants eingliedern. Doch wenn du niemanden hier kennst und nicht weißt, was du mit deiner Freizeit anfangen sollst, dann verschanzt du dich zwangsläufig hinter deiner Schafferei. «Aus Christophs Tagebuchaufzeichnungen: »Erinnerungen eines Saarländers auf Reisen« Und so besteht Christophs Leben aus zwei Teilen: Einerseits seiner Lehrtätigkeit als Türkisch- und Arabischdozent im Institut sowie dem Zurückgezogensein in seiner kleinen Privatsphäre in der WG, draußen in Leimbach, vor den Toren der Stadt. Tag für Tag studiert er, recherchiert und bereitet akribisch genau seine Kurse und Lehrveranstaltungen vor. Denn: Er will alles, nur nicht mehr seinen Job aufs Spiel setzen! Manche seiner Arbeitskolleginnen und -kollegen fragen sich langsam, ob er schwul, bisexuell oder sonst irgendetwas sei … Er geht abends kaum in die Stadt oder in irgendwelche Bars oder Treffs. Nein, er macht seinen Job und zieht sich dann wieder nach Leimbach in den Grossackerweg zurück. Mit seinen drei anderen WG-Partnern pflegt er ein korrektes, freundliches, aber dennoch distanziertes Verhältnis. Nein, in Ankara oder auch in Beirut war das Leben schon ein anderes. Auch wenn man dort – im Vergleich zu hier – nichts oder fast nichts verdient hat, so waren hingegen die Gastlichkeit und Offenherzigkeit der Einheimischen geradezu grenzenlos. Menschen fragten einen nach der Herkunft, nach dem Werdegang sowie den künftigen Plänen und Zielen. Doch hier schien jeder quasi nur an sich interessiert zu sein und darüber hinaus an gar nichts. Christoph macht nun brav seine Arbeit und spart sich sorgfältig seine Cents an. Denn bereits im Sommer 2015 steht wieder die Türkei auf dem Programm! Trotz der schmerzhaften Trennung von Delal und damit auch von Ankara im letzten Jahr will er dennoch einige historische Orte der Zentraltürkei besuchen, die er bisher noch nicht hatte besuchen können. Dazu gehören Orte und Hochburgen der Aleviten, wie Erzıncan und Tunceli. Dort beabsichtigt er, die Struktur und Architektur der alevitischen Gebetshäuser cemevleri noch intensiver zu erforschen. Trotz der zurückliegenden traurigen Erfahrung mit Delal gilt es auch hier irgendeinmal über den eigenen Schatten zu springen. Denn nur, wer auch Schmerzhaftes vergessen kann, wird sich die Möglichkeit für einen Neubeginn öffnen! Und so plant Christoph einen Flug via Istanbul nach Erzurum, um dann von dort in die Geheimnisse Zentralanatoliens vorstoßen zu können. Doch dann sollen sich die Ereignisse in unvorhergesehener Weise überschlagen …
2015: Der Wind dreht in der Türkei – Die Jahre des Terrors und des unschuldigen Blutvergießens
Im Sommer 2015 finden in der Türkei Parlamentswahlen statt, die die kurdische PKK zu einer der treibenden politischen Kräfte im Land anschwellen lassen! Da sich zu diesem Zeitpunkt die alles bestimmende Regierungspartei AKP in der Defensive fühlt, wird die PKK als Partei und politisches Organ kurzerhand verboten, was zur Folge hat, dass der 2012 zwischen türkischer Armee und PKK geschlossene Waffenstillstand wieder gebrochen wird. Terror, blutige Attentate in Istanbul, Ankara sowie an verschiedensten touristischen Plätzen des Landes, bürgerkriegsähnliche Zustände als auch willkürliche Massenverhaftungen prägen erneut das Bild der bis anhin als aufstrebend geltenden Türkei des frühen 21. Jahrhunderts. Und somit beginnt Christoph zu zaudern sowie hin und her zu schwanken, bis er sich dann ein Herz fasst und den bereits gebuchten Flug annulliert. »Doch wohin soll ich nun in Urlaub fahren?« Diese Frage muss ihm nun unter den Nägeln brennen. Die Türkei ist ihm unter den gegenwärtigen Umständen einfach zu heikel und zu unberechenbar geworden. »Soll ich vielleicht einmal nach Australien, China, Ägypten oder – was weiß ich wohin – fahren?« So nun die ihn bedrängende Frage jener Tage. Doch mehr und mehr schimmert ihm eine ganz andere Idee. Immer wieder – auch noch damals in Deutschland – haben ihm Freunde und Bekannte von Polen, dem großen unbekannten östlichen Nachbarn Deutschlands erzählt. Praktisch alle, die dieses lange Zeit vermaledeite Land besucht und kennengelernt haben, kamen voller Begeisterung zurück. Beeindruckt und überwältigt von der Gastfreundschaft der Menschen, seiner Landschaft und der unsagbaren historischen als auch kulturellen Reichtümer. Obwohl er kein Wort Polnisch beherrscht, reizt es ihn nun doch einmal, dieses fremde und doch so nahegelegene Land zu besuchen. Und so bucht er im Frühsommer 2015 einen Flug von Zürich nach Warschau, um von dort aus Krakau, Danzig, Posen und andere Städte besuchen zu können. Angekommen in Warschau nimmt er Züge, Überlandbusse und Taxis, um die wichtigsten Stätten dieser alten slawischen Kultur kennenlernen zu können. Für Christoph ist dies die erste Begegnung mit einer slawischen Kultur beziehungsweise einem Land des ehemaligen Ostblocks. Doch nach anfänglichen Hemmungen öffnet er sein Herz und findet schnell Freude an jenem faszinierenden Land der weiten Felder, alten Städte, Seen und Wälder …
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Teil 4: Ein neuer, gemeinsamer Weg
»Gelebte Liebe ist nichts anderes als die Antenne zwischen unserem begrenzten irdischen Dasein mit all seinem Schmerzhaften und der grenzenlosen Ewigkeit, in der wir dann fest glauben, die Grenzen von Schmerz und Leid für alle Zeiten überwunden zu haben. «Anastasía
Eine junge Griechin als Angestellte am Front Desk – oder die lebensverändernde Sprengkraft einer faszinierenden Frau …
»Von unserer ersten Begegnung an spürte ich, dass Verstand und Intellekt dieses Mannes geradezu wie ein Panzer sind. Dabei verbirgt sich hinter all dem nichts anderes als sein zartes Wesen, so sanft wie feinste Seide. «Anastasía
Für Christoph kommt an jenem Dienstag alles völlig unvorhergesehen. Leicht gestresst schwenkt er unweit des Zürich-Oerlikoner Zentrums in das besagte Reisebüro hinein und schaut sich erst einmal neugierig um, bis ihn dann eine weiche, sanfte und freundliche Frauenstimme auf Englisch anspricht. Leicht reserviert, verkopft und sachbezogen, erklärt er seinem Gegenüber am Front Desk, dass er beabsichtige, demnächst nach Griechenland zu reisen, schon einiges im Internet recherchiert habe, aber doch noch in einigen Bereichen genauere Informationen bräuchte. Schon sehr schnell bemerkt er, wie seine Knie beim Anblick der schlank hochgewachsenen südländischen Frau mit ihren wunderschön glänzenden, langen schwarzen Haaren butterweich werden. Plötzlich verspürt er auch die Schwierigkeit, noch konzentriert seine Fragen und Gedanken fassen zu können. So sehr strahlt die Angestellte auf der anderen Seite des Front Desks auf ihn eine geradezu hypnotisierende Kraft aus. Innerlich wird ihm ganz warm. Ja, er befindet sich geradezu in ein Gefühl der Trance versetzt. Nein, so etwas hat er in rund 50 Jahren noch nie erlebt. Er hat wohl in den verschiedensten Kulturen viele Frauen mit verführerischem Charme erlebt, doch diesmal sollte alles so völlig anders kommen. Die Angestellte schaut ihm mit ihren großen Mandelaugen auf ganz ruhige und zarte Art ins Gesicht und geht dann – in empathisch sanftem Tonfall – auf die einzelnen Punkte seiner Fragen ein. Zart, sanft und ungeheuer einfühlsam wirkt sie auf ihn, ohne dabei nur im Geringsten von der Materie abzuweichen! Nein, er hat inzwischen völlig den roten Faden verloren und sucht krampfhaft nach dem, was er eigentlich noch sagen oder fragen will. Die Reisebüromitarbeiterin hingegen hat den Dialog voll im Griff! Im Innersten überkommt Christoph ein Gefühl des Wahnsinns. Er, der zwischen Ländern und Kulturen Menschen verschiedenster soziokultureller Schichten immer wieder von Neuem stets mit seinem schneidenden Intellekt und großen Wissen beeindruckt und in seinen Bann geschlagen hat, fühlt sich auf einmal so hilflos und schwach wie ein Kind. Doch wie kann eine Frau, die bestimmt einmal 20 Jahre jünger als er sein wird, ihn noch so in ihren Bann schlagen? Ihm fehlen die Worte und er zaudert. Regelrecht zu einer Säule erstarrt, steht er völlig von Sinnen vor dem Front Desk, während die Mitarbeiterin ihm mehrere Unterlagen aus dem Internet ausdruckt und diese ihm mit einem liebevollen Blick und ausgestrecktem Arm über die Theke reicht. Und dies alles mit den warmen abschließenden Worten: »Selbstverständlich, wenn Sie noch irgendwelche Fragen haben, dürfen Sie jederzeit nochmal vorbeikommen oder uns per Mail kontaktieren! «Christoph ist nach dieser Begegnung völlig perplex. Ihm hat es voll und ganz die Spucke verschlagen und längstens weiß er überhaupt nicht mehr, was er überhaupt noch alles fragen wollte … Sein tiefstes Gefühl sagt ihm, dass es nun sicherlich das Beste sei, die nächste S-Bahn zu nehmen und nach Hause zu fahren. Und so reicht er der jungen Schönheit am Front Desk würdevoll die Hand, bedankt sich liebenswürdig für die Auskünfte und betont, dass er gern von dem Angebot Gebrauch machen will, ihre Firma bei Bedarf erneut zu kontaktieren. Danach dreht er sich der Ausgangstür zu und sieht nur noch, wie sich die schlanke, hochgewachsene Schönheit wieder ihrem PC auf der anderen Seite des Front Desks zugewandt hat. Im Glas der Schaufenstervitrinen reflektiert ihr langes schwarzes Haar, gehalten von zwei goldenen Spangen. Erneut in der S-Bahn sitzend, kann er sich nicht mehr im Geringsten konzentrieren. Die Straßen von Zürich, die Menschen; alles rauscht an ihm wie in Trance vorbei. Dann am Hauptbahnhof angekommen, muss er im letzten Moment aufspringen, um in die richtige Straßenbahnlinie umzusteigen. Aber was ist nur los mit ihm? Er weiß es doch selber nicht mehr. Starr und unbewegt hält er die vier Blätter in der Hand, die ihm die Dame am Front Desk ausgedruckt hat. Dann kommt er wieder im Zürcher Vorort Leimbach an, geht noch etwas einkaufen, damit am Abend der Kühlschrank nicht ganz leer ist, und kehrt in seine 4er-WG zurück. Innerlich fühlt er sich geradezu wie verhext. Er ist einfach nicht mehr derselbe, der er noch am selbigen Morgen war. Verrückteste und absurdeste Überlegungen durchschießen seine Gedanken. Nein, von einem konzentrierten Arbeiten, Planen und Vorbereiten seiner Kurse, die er morgen, am Mittwoch, dem 06. Juli, halten muss, kann schon längstens keine Rede mehr sein. Christoph überkommen Fragen über Fragen bezüglich jener Frau, die ihn an diesem Vormittag bediente. Dann schaut er vorsichtig und neugierig auf die ausgedruckten Blätter. Ganz unten am rechten Rand entdeckt er den standardisierten Aufdruck: Besten Dank für Ihren geschätzten Auftrag und bis bald! Es bediente Sie: Frau Anastasía Dimitríou. Zürich, der 05.07.2016 10:12 h Aha, aha. A-n-a-s-t-a-s-i-a …, wie nochmal bitte? D-i-m-i-t-r-i-o-u, he, den Namen habe ich noch nie gehört … Also: »Anastasía Dimitríou«, ja, das ist sie, so heißt sie! In seinem Zimmer wirft er alsdann den Laptop an und recherchiert in Google nach dem besagten Namen. Und siehe da, wer sucht, der auch findet. Ja, das ist sie! Dieses Foto da! Und hier steht es auch klar geschrieben: »Mrs Anastasía Dimitríou, front desk agent and accountant«. »Nein, das gibt’s doch nicht … Das ist sie! Ja, das ist sie wirklich! Die Frau, die mich heute völlig schwach gemacht hat«, so Christophs verworrene Gedanken an jenem Abend. Doch von nun an sollen ihn die folgenden beißenden Fragen nicht mehr loslassen: »Ist diese Frau liiert, vielleicht sogar verheiratet? Hat sie womöglich gar Kinder? Ist sie vielleicht allein und doch noch zu haben? Wo wohnt sie? Wie habe ich auf sie gewirkt? Werde ich sie jemals wiedersehen?« Fragen über Fragen … Jedoch ruft die Pflicht des Alltags den reisefreudigen Intellektuellen in die Realität zurück. Die Julitage kommen und vergehen. Morgens und mittags immer der gleiche Trott: Kurse und Gespräche mit Studenten. Stets dasselbe von Neuem und nochmals erklären … Mal auf Türkisch, mal auf Arabisch. Immer der gleiche Trott oder salopp gesagt: Der gleiche Schrott! Dies kann man nun mal sehen, wie man es will … Die Sommerhitze liegt über der Metropole an der Limmat. Doch Christoph entscheidet sich ganz spontan – wo er jetzt schon hier in der Schweiz lebt – für ein paar Tage nach Südtirol zu fahren. Und so beschließt er Ende Juli ein paar Tage frei zu nehmen, um mit einem Mietwagen bis zum 07. August nach Bozen, Trient und nach Verona zu fahren. Inzwischen ist er wieder etwas zur Ruhe gekommen und die gewohnte Arbeitswelt hält ihn wieder fest in ihrem Griff. Doch dann, als er während seiner Reise in Oberitalien an einem Nachmittag auf der Piazza del Duomo von Trient verweilt, kommt ihm beim Anblick der hübschen, gutgekleideten jungen Italienerinnen wieder der Gedanke an die rund einen Monat zurückliegende Begegnung mit der Griechin im Manteio-Reisebüro in den Sinn. »Was mag wohl mit ihr geworden sein? Mag sie vielleicht noch an mich denken? Erwartet sie vielleicht klammheimlich, dass ich doch nochmal in das besagte Reisebüro komme? Wer weiß?« Dann verdrängt er wieder diese Fragen und konzentriert sich auf seine Stadtrundgänge und den Besuch der historischen Sehenswürdigkeiten. Denn schließlich steht ja auch noch Verona, die Stadt von Romeo und Julia, auf seinem Programm. In die Schweiz zurückgekommen, nimmt er am Montagmorgen seine Arbeit wieder auf. Ohne große Hintergedanken oder gar Spekulationen überlegt er sich, ob es nicht sinnvoll wäre, nochmals in jenes Reisebüro zu gehen, um zusätzlich noch einige genauere Auskünfte bezüglich Sparta, Korinth und der Peloponnes in Erfahrung zu bringen … Denn gegen Herbst soll es ja dann in Richtung Griechenland gehen! Und was die Mitarbeiterin angeht, das soll für ihn jetzt einmal eine »Quantité négligeable« bleiben. Auch wenn diese Frau ihm vor einem Monat schöne Augen gemacht hat und ihm den Hals verdreht hat, so gilt es doch – gemäß Christoph als gestandenem Mann von Welt – sachlich und nüchtern zu sein beziehungsweise voll über der Sache zu stehen! Sagte ihm nicht einmal vor vielen Jahren ein priesterlicher Religionslehrer in seiner Gymnasialzeit am Lycée Franco-Allemand: »Weißt du, Christoph. Verliebtsein ist nichts anderes als ein hormonelles Irresein! Das musst du dir immer auf deinem Weg vor Augen halten und dich vergewissern, bevor du leichtfertig irgendwelche Dummheiten machst, die du später vielleicht gar ein Leben lang bereuen musst!« Und so stellt sich Christoph selbstsicher die Frage: »Wer weiß, ob diese Frau überhaupt noch dort arbeitet und ob nicht irgendjemand anderes mich am Kundenempfang bedienen wird?« Voller Gelassenheit setzt er sich am Dienstagmorgen, dem 09. August, wieder in die S-Bahn Richtung Oerlikon, Zürich-Flughafen. Angekommen in Oerlikon, behangen mit seiner blauen Samsonite-Tasche, Reisedokumentationen und iPhone griffbereit im Sack, betritt er alsdann spontan und ungezwungen das Reisebüro. Und wer steht da hinter dem Front Desk? Nein, er traut seinen Augen nicht mehr und kann es kaum glauben: niemand anderes als Anastasía! Ihre glatten, langen, brillant glänzenden schwarzen Haare, gehalten von den zwei Goldspangen, ihre zauberhafte Figur verpackt in einem eleganten Business-Dress sowie die bordeauxrot lackierten und sorgfältigst gefeilten Fingernägel, welche durch Anastasías so süßes, zartes Lächeln verzaubernd und verführerisch wirken, strahlen auf den irgendwie schüchtern reagierenden Kunden am Front Desk geradezu eine elektrisierende Magie aus … Sie schaut ihn so liebevoll von oben nach unten an, als wollten ihre großen braunen Pupillen ihm zärtlich ins Ohr flüstern: »Ich habe es gewusst, dass du wiederkommst. Ich habe innerlich auf dich gewartet!« Für Christoph ist diese zweite Begegnung schlichtweg unfassbar! Diese Frau strahlt eine derartige magische Macht und Kraft aus. Er reißt sich zusammen und fasst krampfhaft seine Gedanken. Er will nun für den Oktober 2016 definitiv eine Reise nach Griechenland buchen. Besser gesagt, der Flug ist schon gebucht, aber er will die biblischen Stätten in Athen, Philippi, Korinth und Thessaloníki besuchen. Anastasía stellt ihm eine Reiseroute zusammen und berechnet ihm daraufhin den Preis. Sie sagt ihm, dass es von Athen aus organisierte Reisegruppen gibt, denen er sich anschließen kann. Christoph zeigt sich von dem Angebot überzeugt und zieht alsbald seine Kreditkarte, um zu zahlen. Während er wie hypnotisiert innerlich hin und her taumelt, zeigt sich Anastasía cool, sachlich, nüchtern, pragmatisch und überlegt, sodass es zu einem Verkaufsabschluss kommt. Schließlich muss sie ja in ihrer Probezeit dem Chef Erfolge bringen! Doch irgendetwas ist längstens zwischen den beiden passiert … Während sie ihm die ausgedruckten Belege für seine gebuchte und bereits bezahlte Reise bringt, strahlt sie so etwas wie Mitleid oder Sehnsucht aus. Christoph ist schon längstens der Magie dieser Frau verfallen. Die Frau in Business-Dress hinter dem Front Desk weiß nur zu genau, dass sie den Mann auf der anderen Seite des Desks inzwischen 150 % im Griff hat! Ist es nicht so, dass Mann und Frau in ganz entscheidenden Momenten so völlig anders reagieren? Animus und Anima? Und langsam findet Christoph wieder mit innerer Kraft zu seinen eigenen Worten zurück. Und so stammelt er vor sich her: »Verehrte Frau Dimitríou, besten Dank für Ihren Service! Ja, ja … ich würde mich gern mit Ihnen einmal treffen – einmal – um noch mehr über Griechenland, die Antike und die Stätten der Bibel … irgendwo hier in einem Café oder Bistro … Da wären wir doch ungestört. Dürfte ich Sie deshalb um Ihre Handynummer oder Mailadresse fragen? Also meine Mail-Adresse ist: christoph.menrath@… und meine iPhone-Nummer … Moment mal, das wäre die 07…« Dann kritzelt er die Daten auf ein Stück Papier. Doch Anastasía bleibt für diesen Moment noch stark! Sie lächelt ihn zärtlich an, spielt gekonnt mit ihren grazilen Körper- und Hüftbewegungen und schüttelt sich ihre langen pechschwarzen Haare ins Gesicht, so dass Christoph, völlig irritiert, nichts mehr zu fragen wagt. Beim Verlassen des Büros kommt sie plötzlich hinter dem Front Desk hervor, streichelt ihm ganz sachte über die Hände, bedankt sich nochmals für sein Interesse an Griechenland und öffnet ihm die Tür, sich verabschiedend mit dem Wunsch auf ein baldiges Wiedersehen. Doch für Christoph sind jetzt die Kabel vollständig durchgebrannt! Innerlich fühlt er sich wie ausgelaugt, leer, hilflos und verzweifelt. Es ist die Magie und die verführerische Ausstrahlungskraft dieser Frau, die ihn von nun an nicht mehr loslassen sollen. Doch nur eine Woche später, am Dienstag, dem 16. August 2016, begibt sich Christoph wieder mit der gleichen S-Bahn, gleiche Uhrzeit, kurz nach halb zehn Uhr ins Manteio-Reisebüro. Inzwischen ist er ungehemmter geworden und spielt den selbstbewussten Cowboy, »Pantoffelheld mit großem Herz« oder besser gesagt Worldtraveller. Doch fragt es sich nur für wen … Anastasía, wieder brav und gedankenversunken am PC hinter ihrem Front Desk, steht sofort auf, als er das Ladenlokal betritt und begrüßt ihn auf formelle Art sehr herzlich. Christoph erzählt ihr frei weg von der Leber, was er alles in der letzten Woche getan und erlebt hat, und wie sehr er sich freut, bald nach Griechenland reisen zu können. Anastasía kommt nach vorne und drückt zärtlich seine Hände, dabei sagend: »Ich weiß, Griechenland wird Ihnen bestimmt gefallen. Wir Griechen sind ein tolles Volk! Wir sind eben nicht so faul und so schlecht, wie die Menschen hier in der Schweiz oder auch in Deutschland gern von uns zu sagen pflegen!« Christoph ist völlig perplex und bevor er nur im Geringsten seine Worte gefasst hat, sagt sie ihm: »Ich glaube schon, wir können einander du sagen! Also, ich bin die Anastasía, und du …?« »Christoph … ja, Anastasía ich bin Christoph, Christoph Menrath.« Anastasía hat ihren Deal wieder einmal mehr 1:0 ausgespielt. Und so fragt sie ihn dann auch spontan: »Christoph, was denkst du über uns Griechen?« Dieser ist völlig verdutzt und fragt sie im Gegenzug: »Wie ist nochmal deine Handy-Nummer … Anastasía? Vielleicht … «Doch diese nimmt ihm wieder einmal mehr gekonnt den Wind aus den Segeln: »Christoph, magst du Griechenland? Was zieht dich dorthin und warum gerade Griechenland?« Christoph kommt sich plötzlich hilflos und geradezu ohnmächtig vor. Er reißt sich mit aller Kraft zusammen, dann sagt er mit grellem, kräftigem Ton: »Anastasía, ich bin Orientalist und Linguist. Seit über 20 Jahren sind die Straßen zwischen Orient und Okzident meine Heimat geworden! Und nun möchte ich einmal dein Heimatland, die Wiege der abendländischen Zivilisation, kennenlernen. Aber … ja, aber vielleicht, kannst du mir nicht deine iPhone-Nummer geben, dann könnten wir doch …« Anastasía greift jetzt ins Gespräch ein; spürt sie doch zuinnerst, dass dieser Mann ihr voll und ganz ergeben ist! Er ist gut und sein Herz ist voller Liebe. Und so interveniert sie dann, erst etwas zögernd, doch dann klar mit den Worten: »Ja, also meine Handy-Nummer ist die 07…, und ich bin auch auf Facebook. Warte, ich füge dich gerade als Freund hinzu. Aber per Mail kannst du mich unter anastasia.dimitriou@… erreichen. Ach ja, wenn du willst, können wir gern einmal einen Kaffee trinken gehen! Weißt du, hier in Zürich, besser gesagt im Niederdorf, gibt es ein neues griechisches Café mit dem Namen Rebetika-Café. Ich kenne den Besitzer persönlich. Er ist Grieche wie ich und kommt auch aus Athen. Da können wir etwas trinken und ich kann dir dann auch vieles von zu Hause, von Griechenland, erzählen! Denn hier am Front Desk darf ich nicht zu viel Zeit mit den einzelnen Kunden verbringen! Weißt du, der Chef sieht das nicht so gern. Und ich bin ja hier immer noch in der Probezeit!« Christoph schmilzt geradezu wie ein Gletscher in der Tropensonne dahin. »Wirklich, liebe Anastasía? Ja wirklich? Ist das wirklich möglich?« So sein sehnsuchtsvolles und gefühlsbetontes Fragen. »Aber natürlich, das habe ich dir doch versprochen! Und ich werde dir alles erklären, wenn du willst. Du kennst so viele Länder, wofür ich dich nur bewundern kann. Und deshalb wird es für dich zweifellos ein piece of cake sein, sich bei uns in Griechenland zurechtzufinden!« Im Laufe ihres gemeinsamen Weges wird Christoph dieses englische Idiom noch zur Genüge zu hören bekommen: a piece of cake … Gehört dieses doch schließlich zu Anastasías Lieblingsausdrücken! Nach dieser nun etwas längeren Konversation am Front Desk verlässt Christoph das Reisebüro und begibt sich wieder in Richtung Zürcher Innenstadt. Doch längstens ist das Eis getaut. Mit oder ohne Klimaerwärmung … Und stolz wie ein König triumphiert er nun über Anastasías Mail-Adresse sowie über ihre private iPhone-Nummer! Im Reich der Blinden fühlt sich nun mal der Einäugige als König! Im Institut sprechen ihn die Kollegen inzwischen immer häufiger darauf an, was mit ihm los sei. Er sei seit einiger Zeit irgendwie etwas anders geworden, als er dies in all der Zeit zuvor war. Christoph wehrt solche Anspielungen mit der linken Hand ab und sagt, dass dies nur Einbildung sein könne … Nur mit einem griechischen Kollegen im Institut, einem gewissen Dr. Aléxis Papandréou, spricht Christoph tiefst vertraulich über seine ergreifenden Begegnungen. Dr. Papandréou ist Experte für philosophische Fragen, welche die muslimischen und christlichen Kulturen miteinander verbinden. Stets offenen Ohres, geht er auf Christophs wichtige Frage ein: »Du, Aléxis, kennst du dieses Manteio-Reisebüro, draußen in Oerlikon, und vor allem kennst du diese junge Griechin am Front Desk?« Dr. Aléxis antwortet seinem jüngeren Kollegen in ruhigem, väterlichem Tonfall: »Ja, natürlich! Ich habe da draußen in Oerlikon auch schon diverse Sachen für meine Verwandten in Griechenland organisiert. Nein, das ist ein eher kleines, aber sehr gutes und kompetentes Reisebüro. Die kennen sich mit Griechenland wirklich sehr gut aus! Und wenn du irgendwelche Fragen hast, dann antworten sie dir prompt und auch die Preise sind äußerst fair. Und die junge Griechin, die du da meinst … Ja, sie ist noch nicht sehr lange dort. Ich habe sie vielleicht erst ein, zweimal gesehen. Doch sie ist sehr nett, intelligent und hilfsbereit. Aber vor allem ist sie bildschön! Ich hoffe nur, sie kann dort bleiben. Ja, ich hoffe halt, dass man sie nicht wieder nach kurzer Zeit rauswirft … Denn bei uns in Griechenland ist heute alles ein wenig chaotisch und vieles auch sehr unberechenbar geworden. Aber warum fragst du mich das? Kennst du diese Frau etwa?« Christoph schüttelt abrupt und ausweichend seinen Kopf, doch Dr. Papandréou dämmert es schon längstens, wie hier der Hase läuft. Und so legt er im Orientalistischen Institut immer wieder die gleiche Platte auf: Alles sei für ihn in Ordnung, nur die Sommerhitze über Zürich mache ihm, wie vielen anderen auch, ein wenig zu schaffen! Innerlich geht Christoph für Anastasía schon längstens »über Leichen«. Und so kann er einfach nicht mehr widerstehen, nur zu jeder sich ihm bietenden Gelegenheit, die S-Bahn in Richtung Zürich-Oerlikon zu nehmen. Irgendwie ist es ihm auch egal, was Anastasías Arbeitskollegen diesbezüglich sagen werden. Jetzt wo er weiß, dass sie immer dienstags bis donnerstags, von 8 Uhr bis 18 Uhr – wohlbemerkt mit eineinhalb Stunden Mittagspause – am Front Desk steht, ist ihm jeder Weg zu ihr nur allzu recht. Gemäß dem Motto: »Tutte le strade portano a Roma!«, oder besser gesagt: »Alle Wege führen nach Rom!« Auch Anastasía wirkt bei seinem Auftauchen – meistens so vormittags kurz nach 09:30 Uhr – immer gelassener, ruhiger und auch routinierter. Wenn sie gerade dabei ist, einen Kunden am Telefon zu bedienen, wartet Christoph gelassen, als wäre er Zeitmillionär. Wohlwissend, dass sie alsbald nach dem Telefonat dann zu ihm kommt, ihm über die Hand streichelt und ihn liebevoll nach seinem Wohlergehen fragt. Anastasía weiß längstens, dass sie emotional über diesen Mann ihre ganze Macht entfaltet hat. Sie spürt zutiefst seine psychische Abhängigkeit. Und so kann sie auch ganz gelassen mit der neuen Situation umgehen beziehungsweise sich im Job als auch im Kontakt mit Christoph souverän behaupten. Doch mehr und mehr bekommt sie über das Buschtelefon im Betrieb zu hören, dass bereits gewisse Mitarbeitende aus Eifersucht über sie beide zu munkeln beginnen. Anastasía weiß zur Genüge, wie weit sie jetzt gehen darf. Schließlich ist sie immer noch in der gesetzlich vorgeschriebenen Probezeit! Und wie schwierig es ist, als Ausländerin in der Schweiz einen halbwegs vernünftigen Job zu finden, weiß sie nur allzu gut! Und somit tritt sie auch Christoph gegenüber selbstbewusst auf, als dieser wieder einmal mehr am Front Desk aufkreuzt und mit strahlendem Gesicht überschwänglich anfangen will, mit ihr über seinen Werdegang zwischen dem Saarland, Libanon, Syrien, Indien und der Türkei zu diskutieren.
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Vorsehung oder Schicksal: »Nur die Liebe kann diese Welt verändern.« Tattoo als Slogan einer Generation junger griechischer Powerfrauen?
»Wir sind waschechte Griechinnen! Wenn wir jemanden in unser liebendes Herz schließen, dann lassen wir ihn dies eindeutig spüren!« Anastasía »Solo l’amore cambia il mondo«, so steht es in Anastasías linker Schulter eintätowiert. Ihre selbstbewusste, verführerische Art, gepaart mit ihrer außergewöhnlich guten Figur und Schönheit, verkörpert für ihren Arbeitgeber im Reisebüro, welcher selber Halbgrieche ist, die Anziehungskraft und Dynamik einer neuen Generation junger Powerfrauen. Einem neuen Typ von Frauen, welche trotz aller Krisen, die Griechenland gegenwärtig heimsuchen, »ihre Frau« im wahrsten Sinne des Wortes stehen! Jedoch hat jede Medaille bekanntlich auch ihre Kehrseite! Anastasías Charme und ungebändigte Anziehungskraft, die sie vor allem auf ihr männliches Umfeld ausstrahlt, kann sie andererseits aber nicht vor diversen Zwielichtigkeiten schützen. So hört man leider – hinter vorgehaltener Hand – auch immer mehr das Gemunkel vom »Schlämpli am Front Desk«, was auf Hochdeutsch dem »frivolen Mädchen an der Rezeption« gleichkommt. Wir schreiben September 2016: Eine außergewöhnliche, für diese vorangeschrittene Jahreszeit noch nie gekannte Hitzewelle liegt über Mitteleuropa. Obwohl strenger Dress-Code von allen Mitarbeitenden verlangt wird, präsentiert sich Anastasía bei der Arbeit, im Geiste ihrer südländisch-leichtlebigen Mentalität, als selbstbewusst und ungezwungen mit luftigen ärmellosen Dessous, feinlackierten Fingernägeln, hohen glitzernden Stöckelschuhen, Goldkettchen um die Knöchel sowie kurzen Sommerröcken. Dies soll ihr dann auch prompt eine erste Abmahnung von Seiten ihres unmittelbaren Vorgesetzten einbringen! Abgesehen von ihrem Kleidungsstil dürfen wir nicht ihr wunderbares, offenes langes Haar als auch ihre goldfarbenen griechischen Oberarmreifen mit Schlangenköpfen an ihren grazilen bloßen Oberarmen vergessen. Sie vervollständigen sie als ein lebendiges hellenisches Kunstwerk! Kein Wunder, dass sie auf männliche Mitarbeiter beziehungsweise auf die männliche Klientel eine geradezu erotisch hypnotisierende Ausstrahlungskraft auslösen muss. Mag sein, dass ihre Entwurzelung aus ihrem sozialen Umfeld in Athen ihre tiefsten Sehnsüchte irgendwo unbefriedigt ließ. Und so macht sie dann an den lauschig warmen Spätsommerabenden in Zürich mit einzelnen Arbeitskollegen als auch Kunden, außerhalb der Arbeitszeit, Verabredungen ab. Obwohl sie zu jenem Zeitpunkt Christoph schon kennt und mit ihm offen liiert ist, erliegt sie hin und wieder allzu blauäugig ihren Gefühlen … So kommt es beispielsweise mit einem deutschen Geschäftsmann fast zu einem One-Night-Stand, den sie noch in allerletzter Minute abwenden kann! Am nächsten Tag, nachdem sie sich der Tragweite dieses eingegangenen, jedoch nicht vollendeten Abenteuers bewusst geworden ist, bricht sie den Kontakt mit diesem sofort ab, um sich wieder auf ihre wachsende Beziehung mit Christoph zu konzentrieren. Denn auf keinen Fall will sie sich auf ein doppeltes Spiel einlassen! Doch inzwischen soll es bereits zu spät sein: In der Zürcher Kneipenszene als auch im Rebetika-Café, einem Treffpunkt der Zürcher »Exil-Griechen«, setzt der besagte Handelsvertreter aus Wut und Enttäuschung über die ihm verwehrt gebliebenen Hoffnungen und Wünsche die übelsten Gerüchte in Umlauf. Dies, indem er sie, wo immer es auch nur geht, als Flittchen, Prostituierte und griechische »Pleitegeier-Schlampe« diffamiert. Und dazu noch schlimmer: Ein anderer männlicher Möchtegern-Lover soll dann nur ein paar Tage später vor allen Leuten im Manteio-Reisebüro, unmittelbar vor dem Front Desk, laut aus sich herausposaunen: »Gopfrid Stutz! Diese Frau ist eine Schlampe! Wie kann man nur so etwas am Front Desk einer seriösen Schweizer Firma anstellen? Alles was diese gestylte, herausgeputzte Zwetschge ins Internet stellt, ist doch nichts anderes als rein gefaked und erlogen! Da ist doch nicht das Geringste von wahr! Warum, wenn sie wirklich so qualifiziert wäre, wie sie tut, ist sie dann hierher in die Schweiz gekommen? Für Frauen dieser Sorte ist unser Leben in der Schweiz nichts anderes als ein gelüstendes Amüsement, was noch obendrein von uns Schweizern mit den vielen Steuern bezahlt wird! Erzähle mir doch keiner, dass diese Person ihre Aufgabe hier nur im Geringsten ernst nähme! Nein, Frauen und Mädchen dieser Sorte sollte man lieber heute als morgen im Viehwagon nach Griechenland oder dahin, wo der Tabak wächst, zurückbefördern! Zumindest ihr die Aufenthaltsbewilligung entziehen und sie aus der Schweiz ausweisen!« Anastasía kommen bei solchen Anfeindungen schier die Tränen ins Gesicht. Denn, wenn sie eines in ihrem Leben wirklich nicht ist, dann eine Dirne oder gar eine Frau, die leicht zu haben ist! Wer sie wirklich kennt, der spürt zutiefst, dass ihr die traditionellen griechischen Werte von Familie, Fürsorglichkeit, Treue, Aufrichtigkeit, Gottesfurcht und ganzheitlich geteilter Liebe in ihrem Dasein über alles heilig sind! Schließlich kommt sie aus einem der besten Elternhäuser Athens, verfügt über einen qualifizierten Universitätsabschluss und ist obendrein auch noch eine bekennende, wenn auch nicht strengpraktizierende, griechisch-orthodoxe Christin! Sie ist geradezu schockiert darüber, dass ihre hochsommerlich luftige Art sich zu kleiden, was heute im Griechenland der jungen Generation gang und gäbe ist, hierzulande von den Männern sozusagen mit Prostitution und Dirnenhaftigkeit gleichgesetzt wird! Irgendwie kann sie sich nicht dem Eindruck erwehren, dass viele Schweizer Männer, im Vergleich zu ihren griechischen Landsleuten, sexuell verklemmt beziehungsweise extrem gehemmt zu sein scheinen! Und dass diese folglich mit dem Anblick einer sommerlich gekleideten, gut aussehenden südländischen Frau direkt irgendwelche Dirnen oder Gelüsterinnen assoziieren! Aber die Dinge sind nun einmal so, wie sie sind! Andere Länder, andere Sitten und Sichtweisen! Eine Erfahrung, welche Anastasía noch etliche Male in der Schweiz wird durchlaufen müssen. Vielleicht liegt ihr Kernproblem nur ein Stück weit darin, dass sie sich bis zu ihrer Begegnung mit Christoph – noch so manches Mal – einer gewissen kindlichen Leichtgläubigkeit hingegeben hat. Und so kann die dampfende Gerüchteküche selbstverständlich auch ihrem Zürcher Arbeitgeber nicht vorenthalten bleiben! Hierzu kommen weitere Rückmeldungen von Kunden an ihren Chef, welche glauben, Anastasía hinter ihrem PC am Front Desk beim genussvollen Anschauen von Internetseiten bezüglich Mode, Kosmetik sowie Accessoires gesehen zu haben. Dinge, die sich jedoch nie eindeutig belegen ließen und letztlich rein auf Denunziation beruhen sollten, da man sie als Nichtschweizerin einfach weghaben wollte! Demzufolge ruft er Anastasía zu sich ins Büro, um den Wahrheitsgehalt dieser Vorfälle zu besprechen. Obwohl sie mit Tränen in den Augen vor ihm sitzt, ihm versucht zu erklären, dass vieles nur leere Gerüchte seien, erteilt er ihr eine letzte – und zwar diesmal schriftliche – Abmahnung! Um Ruf und Renommee des Reisebüros nicht zu schädigen, verlangt er nun von ihr äußerste Disziplin, vor allem im Geschäftsleben, Zurückhaltung Männern gegenüber als auch eine straffere und verkaufsorientiertere Arbeitsweise, was einer klaren Abfuhr an jegliches Flirten oder Surfen im Internet zu Freizeitzwecken gleichkommen soll! Mehr und mehr kann sie das ihr angeheftete falsche Image nicht mehr abstreifen, ihre Rolle als »griechische Diva« am Front Desk in vollen Zügen zu genießen und sich von ihrem männlichen Umfeld bis zum Gehtnichtmehr leidenschaftlich bauchpinseln lassen zu wollen. Doch in ihrem Innersten sehnt sie sich schon längstens nach jenem Mann, der für sie trotz all ihrer Schnitzer und emotionalen Verfehlungen ein Fels in der Brandung, Anker im Sturm sowie Rückhalt in allen Lebenslagen sein wird und ihr auf ehrliche Art die Liebe zu geben bereit ist, die sie braucht. Und dies soll dann auch niemand anderes als ein gewisser Christoph Menrath sein! Sagte sie nicht einmal während einer ihrer ersten Begegnungen am Front Desk sogar zu ihm: »Also, du bist kein Deutschschweizer, sondern ein richtiger Deutscher?« Worauf Christoph ihr klar erwiderte: »Ja, ich bin Deutscher, lebe aber schon seit vielen Jahren immer wieder im Ausland und bin jetzt hier in Zürich, weil ich am Institut für Orientalistik, unweit des Stadions Letzigrund, eine Anstellung als Türkisch- und Arabischdozent finden konnte. In unserem Metier ist es alles andere als einfach, einen seriösen Broterwerb zu finden.« Und ihm dabei nur allzu sehr rechtgebend, strahlt ihr Blick im Moment solcher Aussagen in seine zarten blau-grünen Augen. Liebe zeigt sich im Spiegel eines Prismas in tausenderlei Facetten. Ist dem nicht wahrlich so? Dieser eingefleischte Gelehrte, Weltenbummler und Gelegenheitsliebhaber glaubt immer noch an Anastasías Aufrichtigkeit und Treue, ja die Vision, dass sie nur mit ihm wirklich intim werden könne. Aber auch hier soll bekanntlich der Wunsch nur Vater des Gedankens bleiben! Denn er soll sich in seiner wohlgehegten Utopie noch gewaltig täuschen! So zum Beispiel, als Anastasía noch nach ihrer gemeinsamen Griechenlandreise im Oktober 2016, unüberlegt und allzu leichtsinnig, in Zürich einem österreichisch-griechischen Konditormeister in ihren fleischlichen Begierden erliegen sollte … Doch hierzu dann später! Bereits Ende September kündigt Anastasía ihre Arbeitsstelle im Zürcher Manteio-Reisebüro mit Wirkung auf Ende 2016, um von nun an mit Christoph und an dessen Seite ein neues Leben beginnen zu können. Beruflich schwebt ihr jetzt vor, von zu Hause aus als online Deutsch-Griechisch Tourismus-Übersetzerin zu arbeiten. Sicherlich spielt bei dieser Überlegung der Gedanke einer baldigen Schwangerschaft eine nicht unwesentliche Rolle
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»Bist du überhaupt fähig eine Frau wirklich zu lieben?« Beziehungskonflikte mit einer Griechin: Kein piece of cake!
»Eine seriöse Liebesbeziehung, Partnerschaft und Ehe zu führen, bedeutet für mich das gegenseitig füreinander Offensein zu signalisieren, um aneinander lernen, reifen, wachsen und sich fruchtvoll ergänzen zu können. Alles andere hingegen ist für mich reine Augenwischerei!« Anastasía »Habe ich oder hat grundsätzlich eine Frau überhaupt noch Platz in deinem Leben?« So Anastasías unmittelbar nächste Frage, welche sie an ihren zaudernd ausweichend versuchenden Partner stellt. Dieser sagt mittlerweile schon nichts mehr. Doch dies beeindruckt sie schon lange nicht mehr. Sie weiß nur allzu gut: Christoph ist das schiere Gegenteil eines Cholerikers! Wenn er sauer ist oder ihm etwas nicht passt, sagt er nichts, macht eine betrübte Miene, den Kopf leicht nach unten gesenkt, und schleicht sich klammheimlich davon, ohne dabei auch nur ein Sterbenswörtchen zu verlieren. Es ist dies die Taktik seines sanften »den Hals aus der Schlinge Ziehens«. Nur Anastasía fällt längstens nicht mehr auf diese Strategien, Spielchen oder Taktiken herein. Und so drangsaliert sie ihn weiterhin mit unangenehmen Fragen bezüglich Beziehungsleben, Familiensinn und seinem, in ihren Augen sehr eigenartigen, Verständnis von Liebe … Und als zusätzliche Gefühlsdusche – nicht als piece of cake – schüttet sie ihm zu dieser Gelegenheit, ähnlich einem Kübel Eiswasser, auch noch das Feedback ihrer Athener Schwester Theodóra in den Nacken … Und so erzählt sie ihm von dem langen Telefonat nach Athen, welches sie an diesem Abend mit Theodóra hatte. Diese habe ihr ganz klar auf ihre Situation geantwortet: »Tási, du musst dich ernsthaft fragen, was du in Christoph gesucht hast? War es nicht rein sein Intellekt und seine Lebenserfahrung, die dich geblendet haben und in die du dich blind verliebt hast? Ich könnte niemals mit einem solchen Typ zusammenleben, der nur prioritär seine Forschungsprojekte und akademisch geistigen Höhenflüge sieht. Und dazu noch irgendwo in seinen perfiden Gehirnwindungen die Option verfolgt, mit über 50 Jahren doktorieren zu wollen … Was willst du mit diesem alten Knacker? Denk mal, er ist ganze sechs Jahre jünger als Papa. Ja, der könnte vom Alter her unser Vater sein! Merkst du denn nicht, dieser Mann ist gut, lieb und zart zu dir, wenn er von dir seine Streicheleinheiten will, sich mütterlich auf griechische Art bekochen lassen will oder schlicht nur ein weibliches Wesen um sich haben will, das ihn aus seiner egozentrisch elitären Einsamkeit befreit! Und weil er im Innersten nur zur Genüge weiß, dass sich für ihn als verschrobenen, verknöcherten alten Kautz keine nur noch halbwegs attraktive, jüngere Frau mehr interessieren wird? Tási, wie naiv bist du nur manchmal in solchen Dingen? Ich dachte immer, du hättest aus der traurigen Erfahrung mit Marios wenigstens noch etwas gelernt!« Christoph ist schlichtweg entsetzt und liegt schweißtriefend im Bett. Nein, das was er in diesen letzten Stunden jetzt über sich ergehen lassen musste, hat er sich nie im Traum vorgestellt! Und zu allem niemals von »seiner« Anastasía, die er doch bis anhin immer für sehr sanftmütig, warmherzig und liebevoll erachtete und bei allen Gelegenheiten in den Himmel pries. Doch nun fühlt er sich dieser Frau und ihrem ganzen clanartigen griechischen Filz gegenüber voll und ganz unterlegen und ausgeliefert! Inzwischen legt es sich für ihn nahe, dass er eine SMS ans Institut schreiben wird, um sich zumindest für den nächsten Tag krankschreiben zu lassen. Er spürt, dass seine Kräfte und sein Körper ihm längstens nicht mehr gehorchen … Irgendwo wird er den Gedanken nicht los, dass auch griechische Katzen Krallen, Reißzähne, Giftzungen und Schnurrhaare haben! Er leidet in diesen Stunden unsagbar. Jedoch am grausamsten und unbegreiflichsten bleibt für ihn die Tatsache, dass Anastasía nicht nur die geringste Geste von Sanftmut zeigt oder ihm Versöhnungsbereitschaft als auch Herzenswärme zu signalisieren bereit scheint. Nein, in ihrem heißblütigen Temperament bleibt sie diesmal pickelhart und unerweichlich. Psychisch ist er am Ende. Inzwischen weiß er ihr nichts mehr zu antworten oder zu entgegnen, sondern starrt nur noch apathisch an die Zimmerdecke. Anastasía ist inzwischen längstens bewusst, dass sie diese Schlacht gegen ihren künftigen Ehepartner ein erneutes Mal haushoch und vollends 1:0 gewonnen hat! Und so nimmt sie auch unverblümt seine Hilflosigkeit wahr, was ihr im Innersten auch irgendwo leid tut. Aber sie bleibt sich als selbstbewusste Frau und Repräsentantin einer neuen griechischen Powerfrauen-Generation treu: »Nein, nein und nochmals nein! Jetzt wird nicht wieder auf sanfte Tour gemimt. Diesmal ohne mich! Sonst ist die nächste sogenannte Forschungsreise im Alleingang aus rein caritativer Nächstenliebe – wie er dies zu nennen pflegt – schon recht bald wohlmöglich auf die Gipfel des Himalayas oder auf den Mount Everest gebucht!« In jenen Spätaugusttagen steht im Luzerner Schönbühlring dem jungen Paar eine nicht leicht zu bewältigende Woche bevor: Nach zwei Tagen zwingt sich Christoph wieder zur Arbeit nach Zürich und Anastasía vegetiert zwischen Schwangerschaftsproblemen, Übersetzungen und Überlegungen bezüglich ihrer gemeinsamen Zukunft hin und her. Im Orientalischen Institut können Christophs Beziehungsprobleme Kollegen und Studierenden nicht mehr verborgen bleiben. Gilt er seit eh und je als eine sehr ruhige, ausgeglichene und auch humorvolle Person, so erlebt man ihn in diesen Tagen eher als wortkarg, schwermütig, ernst und irgendwo auch innerlich sehr belastet. So sagt einer seiner Arabisch- und Türkischstudenten ganz offen, dass er Christoph seit rund einem Jahr als sehr lockeren, gelösten, ewig jugendlichen Dozenten kenne. Er aber heute das Gefühl habe, dass dieser seit Beginn seiner Beziehung mit der Griechin zu einem anderen geworden sei. Ja, man spüre, dass ihn sein jetziges Privatleben irgendwo sehr belaste und er heute vielfach auf die Studierenden geradezu grüblerisch und in sich gekehrt wirke. Gerade so, als ob irgendetwas ihn völlig überfordern würde … Jedoch sicherlich nicht seine Arbeit! Und so stellt ihm auch eine seiner Kolleginnen, Luljeta Berisha, welche selber Kosovo-Albanerin ist, ganz offen die Frage, ob es für ihn denn nicht besser wäre, noch vor der Heirat aus seiner Beziehung mit dieser griechischen Furie auszubrechen? Christoph kann diesem Vorschlag nur eines erwidern: »Nein, nein und nochmals nein! Ich liebe sie trotz allem. Anastasía würde auch meinen Blicken sofort anmerken, wenn ich hinter ihrem Rücken einer anderen Frau nur im Geringsten mein Herz öffnen würde. Ich kenne sie dafür nur zu gut. Und wenn sie dann sähe, dass eine andere Frau im Spiel wäre, wüsste ich nur zu gut, was mir dann blühen würde … Nein, das könnte ich emotional nicht mehr überleben!« Doch nicht nur Christoph fühlt sich in Bezug auf seine Beziehung mit tiefsten Fragen konfrontiert, sondern auch sein hellenisches Vis-à-vis. Irgendwo liebt sie Christoph, aber andererseits quälen sie diesbezüglich auch große Zweifel. Und so antwortet sie während einer ihrer engagierten Diskussionen auf Christophs Frage: »Anastasía, wenn es wirklich dein Ernst ist, mich verlassen zu wollen, wirst du dann wieder zurück zu Tante Eléni nach Luzern-Littau gehen? So könnten wir uns wenigstens als Freunde doch noch von Zeit zu Zeit wiedersehen«, eindeutig mit den folgenden klaren Worten: »Nein, ich werde wieder nach Athen zurückkehren! Ich habe die Nase mittlerweile gestrichen voll! Einerseits von euch Männern hier, andererseits von diesem katastrophalen Klima in der Schweiz, welches dreimal täglich wechselt als auch von dieser blind arbeitswütigen Mentalität, die nur eines will, dass die Menschen wie ferngesteuerte Roboter und systemimmanente Trillerpfeifen funktionieren. Oder auch die spießige, denunziatorische Art und Weise, mit der einer den anderen hier überwachen und kontrollieren will. Von meinen griechischen Freunden her weiß ich, dass man als Autofahrer in der Schweiz geradezu als potentieller Krimineller stigmatisiert wird sowie ständig mit perfidestem Geldbußen- als auch Gebührenterror drangsaliert oder weiteren rechtlichen Sanktionen schikaniert wird. So zum Beispiel, wenn man irgendwo mal kurz parken will. Während dies in anderen Ländern etwas völlig Belangloses darstellt, muss man sich hier dreimal überlegen, ob man wieder mit irgendwelchen dreisten Gebühren zur Ader gelassen wird, da man sich als Automobilist permanent mit einem Bein vor dem Strafrichter befindet … während andererseits diverse Gewalttäter auf freiem Fuß sind, um weiterhin unbehelligt ihr Unwesen treiben zu können. Nein, Christoph, ich bin mir von Griechenland wahrlich etwas anderes gewohnt! Wir arbeiten auch viel und haben viel Verkehr, aber bei uns hat die Lebensfreude einen viel höheren Stellenwert als hier. Und für unser oder besser gesagt mein Kind – und daran denke ich jetzt in erster Linie – wird dies auch sicherlich das Beste sein!« Christoph beginnt sich langsam damit abzufinden, dass er Anastasías neue Pläne wohl oder übel akzeptieren muss. Und so versucht er ihr letztlich doch noch zu erkennen zu geben, dass jegliches Fehlverhalten seinerseits als auch Unverständnis ihr gegenüber niemals böse gemeint gewesen sei oder irgendwelche hinterlistige Absicht in sich verborgen habe. Offen betont er, dass ihm der Gedanke, nun etwas zerstört zu haben, was nicht mehr zu reparieren sei, schlichtweg das Herz zerreiße! Denn für ihn sei und bleibe sie trotz all jener tragischen Differenzen ein für allemal die Frau seines Lebens, die er trotz allem auch nach wie vor unsagbar liebe! Und so sagt er ihr alsdann in Trance mit weinerlicher Stimme, zuerst vor sich hin sinnierend auf Französisch, dann auch auf Deutsch: »Dans ta vie, mon ange, il y en a beaucoup de ceux qui passent, mais moi, j’espère quand même d’avoir laissé en toi mes traces«. Zu Deutsch so viel wie: »Mein Engel, viele Männer sind in dein Leben eingedrungen, aber ich hoffe dennoch, letztlich in dir meine Spuren hinterlassen zu haben.« Und so sollen dann plötzlich ihre stechenden griechischen Mandelaugen sowie funkelnden Pupillen wieder ganz groß werden und sie sich wieder zutiefst gerührt als auch innerlich bewegt zeigen. Und zwar von der Reaktion, Sensitivität und Feingeistigkeit dieses außergewöhnlichen Mannes, dem sie vor über einem Jahr am Front Desk begegnet war. Denn für Anastasía ist in keinster Weise alles zerstört, sondern noch viel mehr als man denkt zu reparieren! Doch diesmal ohne faule Kompromisse mit schöntuerischen Plattitüden oder Redefloskeln, sondern nur durch konkret gelebte Tatsachen und klare Kompromisse! Als dann Christoph in einer ruhigen Minute sie bei der Hand fasst und sie ganz offen und ehrlich fragt: »Anastasía! Wenn du mich immer wieder so vernichtend kritisierst, warum hast du dich dann überhaupt in mich verliebt?«, weiß sie diesem nun in aller Ruhe, Gelassenheit und durchaus Warmherzigkeit ausgiebig Antwort zu geben: »Von jenem ersten Moment an, wo wir uns im Reisebüro begegneten, spürte ich, dieser Mann ist so vollkommen anders als alle die vielen Verehrer, die mir seit meiner Pubertät den Hof machten, meine Hand küssten und mir Blumen überreichten. Abgesehen von des Eskapaden meiner nur sehr kurz verlaufenen Ehe. Du warst in deiner Art einfach ganz anders. Ja, wie soll ich dir das erklären? Du standst auf einmal vor mir und mit weicher Stimme fragtest du mich um Informationen bezüglich Griechenland. Du weißt, ich gab dir dann ein paar allgemeine Informationen bezüglich Athen, der Peloponnes und so weiter. Du schautest mich mit deinen zarten Augen an und wirktest völlig unbewegt. Ich fühlte mich plötzlich irgendwie paralysiert. Dann auch deine äußere Erscheinung. Seit ich mit 16 Jahren ausgewachsen war, schaute ich mit meinen 1,78 m immer auf meine Umwelt physisch herab. Du mit deinen 1,89 m warst hingegen das volle Gegenteil! Ich schaute zu dir hinauf. Dann, wo du ein paar Tage später kamst, schautest du mich so dankbar an und warst so ungeheuerlich lieb zu mir! Du fragtest, ob du eher Englisch oder Deutsch sprechen solltest und fragtest mich, was von der Organisation her für mich am einfachsten zu buchen sei. Und dies, obwohl du der Kunde warst. Als ich dann am Abend im Zug von Zürich nach Luzern saß, ließ mich der Gedanke nicht mehr los: Dieser Mann ist deine Chance, entweder er oder niemand; beziehungsweise jetzt oder nie! Dann Anfang August 2016 – ich weiß es noch so gut wie heute – standst du dann wieder im Manteio-Reisebüro vor mir mit allen deinen Unterlagen. Im Innersten merkte ich schon, dass du nicht gekommen bist, um noch weitere Informationen über Griechenland zu bekommen, sondern ganz einfach, weil du mich wiedersehen wolltest … Ich weiß schon ein bisschen, wie ihr Männer tickt. Im Abwimmeln von Angeboten bin ich mit den Jahren zur leidgeprüften Meisterin geworden. Das kannst du mir wirklich glauben! Ich möchte da auch ganz ehrlich sein: Allzu lang und allzu leicht ließ ich mich von Typen, bei denen mir heute nur noch die Kotze hochkommt, zu billigen Abenteuern verführen. An allererster Stelle sei da auch mein Ex erwähnt … Doch damals, nach meiner Ankunft in der Schweiz, war ich im Gegensatz zu heute noch recht naiv! So betitelten mich auch einige Kunden auf Schweizerdeutsch als ’s Schlämpli am Front Desk. Ich habe mich allzu leicht von Männern bauchpinseln und hofieren lassen, so dass man im Manteio-Reisebüro in mir so etwas wie ein Mädchen sah, welches leicht zu ergattern war. Doch, Gott sei Dank, bin ich da jetzt endlich weg! Rückblickend lernte ich dort auch nichts anderes als Selbstverteidigungsstrategien, um billiger Anmache und Stalking zu entkommen! Bei dir hingegen sollte dann alles ganz anders werden. Du fragtest mit ruhiger, warmer Stimme, wo ich herkomme, ob ich in Griechenland eine Hotelfachschule besucht habe, ob ich hier in der Schweiz meine Familie habe und wie ich über die Schweiz und die Schweizer als Ausländerin denke. Dies alles war für mich so ungewohnt und ganz anders, so dass ich dir schon recht bald meine private Telefonnummer und Mail-Adresse gab. Etwas, was ich ansonsten nie tue, trotz vieler Betteleien, wie du dir ja sicherlich vorstellen kannst. Als wir uns dann zum ersten Mal im Rebetika-Café im Zürcher Niederdorf trafen, da war es um mich geschehen … Wir gingen in den kleinen hinteren Raum im Café, du nahmst mir, ohne etwas zu sagen meine Handtasche ab und dann setzten wir uns an den kleinen Ecktisch und du zeigtest mir dein Griechisch-Lehrbuch. Obwohl ich ja keine Sprachlehrerin bin, versuchte ich dir ein paar wichtige Redewendungen für deinen Urlaub vermitteln zu können. Und plötzlich spürte ich, wie du sanft über meine Hand strichst und mir liebevoll ins Ohr flüstertest: Ich danke dir so unsagbar, dass du mir hilfst! Ach wie komisch! Ja, das war im ersten Moment meine spontane Reaktion. Ein Mann, der seit zwei Jahrzehnten Jahr für Jahr den Orient und sämtliche Länder des Ostens bereist, der eine akademische Karriere als Orientalist an Universitäten verschiedenster Länder absolvierte … nein, wie soll ich diesem noch helfen können? Später wurde mir dann immer klarer, was du mir eigentlich sagen wolltest. Nämlich: Du spürst, wer ich wirklich bin und was ich brauche! Und du bist der Mensch, der mir genau das geben kann. Dafür will ich dir danken! Als wir uns daraufhin immer intensiver trafen und du auch das erste Mal zu meiner Verwandten nach Luzern kamst, war mir klar: Dieser Mann will keine Phantasmen und Abenteuer, sondern nichts anderes als deine natürliche ehrliche Zuneigung. Hinter all deiner Größe und Außergewöhnlichkeit spürte ich das fragile, sensible zarte Herz eines außergewöhnlichen Mannes. Ja, und darum wurde ich dann butterzart und habe mich in dich verliebt«. Beim ruhigen Lauschen dieser Worte überkommt Christoph ein tiefes Gefühl der Aussöhnung und Hoffnung! Denn gerade mit diesen Aussagen signalisiert sie ihm, dass sie ihn, trotz aller Differenzen, immer noch liebt und auch zutiefst achtet. Alsdann fügt er sanft ein: »Καρδούλα μου! Ich habe ein wenig in deiner kleinen Truhe herumgestöbert und darin ein Schulklassenfoto aus deiner Zeit im Lykeio Apostólon Pétrou kai Pavlou von dir entdeckt. Und da bist du die Größte von allen deinen Klassenkameradinnen! Du trägst deine geliebten hohen Stöckelschuhe, die dich noch größer erscheinen lassen, aber dann stehst du da mit krummem Katzenbuckel, um dich vor deinen Mitmenschen kleiner zu machen! Ich kenne dies alles nur zu gut von mir! Wir hochgewachsenen Menschen wollen uns immer kleiner machen, um uns unserer Umwelt anzupassen!« Zärtlich ihm über die Hände streichelnd, stimmt sie voll und ganz zu. Doch dann stellt sie ihm wieder erneut die Gretchenfrage: »Christoph, Αγάπη μου! Liebst du mich wirklich?« Dieser antwortet spontan, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: »Aber natürlich, mein Schatz! Nur dich allein und sonst niemanden!« Da fällt sie ihm wieder ins Wort: »Und was wärst du dann bereit, für mich aufzugeben?« Christoph, völlig verworren, sucht daraufhin seine Frage zu formulieren: »Wie meinst du das? Was soll ich für dich aufgeben?« Anastasía konfrontiert ihn wieder einmal mehr mit sich selbst, wie dies wohl niemand je zuvor in seinem Leben tat. Selbst seine leiblichen Eltern taten dies nie in diesem Ausmaße. So stellt sie ihm dann klar und direkt ihre Frage: »Stell dir vor, wir beide geraten einmal in Not. Beispielsweise ich, du oder meine Familie in Griechenland! Wärst du in einer solchen Situation dann bereit auf deine Elektronik, deine geerbten Stilmöbel und vielen Bücher und dein ganzes Drum und Dran für mich zu verzichten oder würdest du mir dann wieder mit salbungsvollen Ausreden kommen, die mir nur eines signalisieren, dass du dich letzten Endes nur selber liebst, aber nicht die Frau an deiner Seite?« Dies ist für Christoph fast schon zu starker Tobak! Weiß er doch zu genau, dass Anastasía nun von ihm eine radikale Entscheidung fordert, gemäß dem Motto »Leave it or take it!« Und so umarmt er sie, drückt sie unter Tränen an sich mit den definitiven und klaren Worten: »Καρδούλα μου! Für dich verzichte ich auf alles! Alles ist mir langsam völlig gleichgültig! Aber ich kann nicht mehr ohne dich leben! Darum verlass mich bitte nicht! Über alles, ja wirklich alles können wir doch reden. Das Materielle ist für mich wirklich nur noch sekundär. Bitte, bitte verstehe mich doch jetzt endlich!« Anastasía hat ihn auch bereits begriffen und weiß spätestens von diesem Augenblick an, dass er es wirklich ehrlich mit ihr meint und gemeinsam mit ihr seinen weiteren Weg gehen will! Folglich gibt es für ihn keinen anderen Entscheid mehr, als den gebuchten Flug nach Teheran beziehungsweise die Unterkünfte im Iran »aus gesundheitlichen Gründen« sofort zu stornieren! Auch wenn ihm nicht mehr alle bereits bezahlten Beträge rückerstattet werden können, so ist ihm die Versöhnung und Harmonisierung mit Anastasía das Wichtigste, was sich ihm in dieser Stunde auferlegt. Nach einigen Tagen eisiger Atmosphäre und kaltem Krieg zeigt sich somit Anastasía wieder mehr und mehr als die bisherige. Sie ist wieder nett mit ihm, herzlich und zeigt ihm auch erneut ihre affektive Seite. Doch dies soll in keinster Weise darüber hinwegtäuschen, dass sie in Hinblick auf ihre Beziehung gewisse tiefe Zweifel einfach nicht loslassen wollen … »Αγάπη μου! Wir Griechen machen miteinander ganz spontan ab, einfach wenn es uns passt! Bei euch Deutschen muss man aber stets mit dem Terminkalender in der Hand jedes Zeitfenster geradezu wochenlang im Voraus beantragen.« Anastasía