Im Herzen der Pfalz
„Ach ja! Was soll’s denn schon. Wir machen keinerlei unnütze Umstände. Irgendwie werden wir das alles schon bewältigt kriegen! Denn nicht umsonst sind wir und bleiben in unseren Herzen wasch-
echte Pfälzer.“
Alte Pfälzer Lebensphilosophie
Die Pfalz, auch „der Garten Deutschlands“ genannt, ist ein von Lebenskunst sowie gewachsenen, feuchtfröhlichen Traditionen geprägtes, sonnendurchflutetes und reich gesegnetes Land. Folglich mag es niemanden erstaunen, dass dieser Landstrich im Südwesten Deutschlands durch alle Zeiten der Geschichte hindurch zur Heimat und zum Schauplatz vieler nicht ganz alltäglicher Persönlichkeiten wurde, welche allesamt folgende, typische Pfälzer Eigenschaften stets harmonisch miteinander zu verbinden vermochten. Und zwar:
Pfälzer Nonchalance, Pfälzer Mundwerk sowie Pfälzer Lebenskultur.
Leseprobe
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Pfälzer Originale
Von Pälzer-Krischern* und Querköpfen
Mia Pälzer sinn halt emool zwärsch unn gäggisch!
«Wir Pfälzer sind von unserem Wesen her etwas querköpfig und querschlägerisch!»
Aber es sollte natürlich auch noch andere Kostgänger beziehungsweise Kostgängerinnen unter der goldenen, wärmenden Pfälzer Sonne geben … So beispielsweise eine gewisse Christiane Schönlechner aus Siebeldingen! Schlank, hochgewachsen mit langen glatten blonden Haaren, schmal schlitzartigen Rehaugen, flachen Brüsten sowie zarten Sommersprossen, guter athletischer, erotisch anziehender Figur, fühlte sich die 32-jährige Lebenskünstlerin durch und durch von anderen Motivationen beflügelt als dem rigiden und disziplinierten Französischpauken zwecks einer DELF-tout-public-B2-Prüfung. Christiane entstammte dem gehobenen, bürgerlichen Pfälzer Mittelstand. Als Tochter eines wohlbekannten, ursprünglich aus Gaschurn im österreichischen Vorarlberg stammenden, dann irgendwann einmal in die Pfalz zugewanderten und im Weinhandel erfolgreichen Unternehmers absolvierte sie mit Ach und Krach das Abitur in Landau, verspürte dann aber keinerlei Bock mehr, ein Studium anzufangen, sondern tingelte ein wenig in der ganzen Weltgeschichte herum. Ein Jahr lang lebte sie in Frankreich, bis die Freundschaft mit ihrem dortigen schwarzafrikanischen Freund in Brüche ging. Doch dann jobbte sie hier und da in Bars, Imbissbuden, Cafés, stupidem Telefonmarketing sowie elenden Marketingresearch-Callcentern, bis es sie wieder zu neuen Abenteuern, doch diesmal nach Fernostasien zog und sie wieder für einige Monate wie vom Erdboden verschwand. Eigenwillig lebte Christiane die letzten Jahre ganz nach dem Motto „Von der Hand in den Mund, dafür frei und gesund“ sowie: „Komm ich nicht heute, komm ich morgen.“ Stets hin- und herschaukelnd zwischen Arbeitszuweisungen verschiedener Jobcenter, schwarzen Gelegenheitsjobs in irgendwelchen dubiosen Landauer Spelunken beziehungsweise Etablissements oder auch als Reinigungskraft bei irgendwelchen Privatleuten. Nicht zu unterschätzen seien hierbei aber auch das Bakschisch – beziehungsweise das offene Portemonnaie – generöser Verehrer und flüchtiger Lover. War sich Christiane seit jeher stets ihrer Attraktivität und guten, verführerisch wirkenden Figur wohlbewusst! Doch nun suchte sie etwas Abwechslung in ihrem vom Siebeldinger Dorfleben zurückgezogenen, eintönigen Leben „à la Bohemienne“. Deshalb meldete sie sich bewusst zum Kurs DELF tout public B2 an, um ihre Affinität zur französischen Sprache zu intensivieren und aufzufrischen. So weit, so gut. Jedoch bereits beim ersten Kurstermin fiel Christiane von ihrem ganzen äußeren Erscheinungsbild her den anderen, weitgehend strebsamen und biederen kaufmännisch beziehungsweise akademisch und literarisch geprägten Kursteilnehmenden auf: Einen langen, auf den Boden reichenden, weiten und durchsichtigen rosa Seidenrock, silbern glitzernde High-Heels sowie eine hautenge Bluse ohne BH tragend, welche bei ihren flachen Brüsten die Brustwarzen verführerisch durchdrücken ließ, wiesen sie optisch vom allerersten Anblick an als „Eyecatcher“ aus. Und so unterschied sie sich auf Grund ihrer nackten Arme sowie mit Herzen provokativ tätowierten Bizeps unverkennbar von allen anderen Kursteilnehmern in der DELF-tout-public-B2-Kursgruppe. Hierzu sollten das Tragen einer goldenen Halskette mit Herzchen und goldenen Küsschen und eines engangeschnallten ledernen Oberarmbands ihrem gesamten Umfeld markant auffallen. Weiterhin spielte sie wie besessen die ganze Zeit auf ihrem iPhone herum, anstatt in ihrem Heft nur eine einzige Notiz während des ganzen Abends zu machen. Dazu platzierte sie sich unübersehbar in die vorderste Reihe, direkt in der Mitte, quasi dem Dozenten Said Al-Jumaili zu Füßen. Schon am ersten Abend startete Christiane während der Pause ihre Anbiederungsversuche, um mit dem Dozenten zu flirten und versuchte dabei ebenfalls, diesen an seiner Taille zu kitzeln. Schließlich ging es ihr ja darum, den Dozenten erotisch zu elektrisieren, sodass er unkonzentriert unter epileptischen Zuckungen und Atem-Rhythmus-Störungen kaum im Stande wäre, etwas ans Whiteboard zu schreiben, geschweige denn noch etwas erklären zu können. Doch dieser wehrte unerwartet, ganz entschieden und nonchalant alle anzüglichen Bemerkungen ab, mit dem kurzen Spruch: „Na ja, Kleidung reflektiert nichts anderes als eine Art inneren Gemütszustand …“Der erste Abend verging und schon beim nächsten Termin begann Al-Jumaili den Kursabend mit Hörverständnis- und Sprechübungen. Als Hausaufgaben wurden stets schriftliche Aufsätze erteilt, die beim nächsten Termin dann in der Gruppe besprochen, korrigiert und auch reflektiert wurden. Auch Christiane baute langsam, aber sicher ihre eigenen, sehr speziellen Strategien auf. Diese waren jedoch nicht linguistischer, sondern eher „metalinguistischer“ Natur, wie wir es zu späterem Zeitpunkt noch zur Genüge sehen werden.
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einmal nicht im finanztechnischen Sektor, sondern bekannterweise in einem etwas anderen, eher horizontal-genital gelagerten Bereich. Der Inbegriff des echten Pälzer Krischers, zu Hochdeutsch: „Pfälzer Kreischer“oder besser gesagt, „Pfälzer Schreihals“, sollte in Ursel Krämer aus dem Kurs DELF tout public A2 seine beste Vertreterin finden. Die gelernte Gastwirtin Ursel Krämer aus Leinsweiler, dem Weindorf zu Füssen des Max-Slevogt-Hofes, wollte ihr Schulfranzösisch in der Lingua-futura-Sprachschule aufmöbeln. Dazu schrieb sie sich bei Mademoiselle Simone im Kurs DELF tout public A2 ein. Doch mit ihrer stets kreischenden Stimme sollte sie von Anfang des Kursprogrammes an in allen Gängen und Räumen der Sprachschule schon von Weitem her hörbar sein. Ursel tratschte permanent über den Mischpocheskrom – also das Durcheinander – in der Pfälzer Regionalpolitik, über ihre spießigen Nachbarn, mit denen sie dauernd Krach hatte, aber auch über gute Gaststätten sowie Gastwirte in der Gegend. Doch am liebsten schimpfte sie andauernd über das Fernsehen: Joo, Herrschofftä nochemool! Der Totalverblöder der raubt mia noch dä allerletschte Nerv! „Meine Güte nochmal. Der Totalverblöder – also der Fernseher – raubt mir noch den allerletzten Nerv!“ Wenn sie bei den Gesprächen auf das Pfälzer Lieblingsthema: „Wein“ kam, so war ihr Pfälzer Patriotismus nicht mehr zu verkennen und vor allem nicht mehr akustisch zu überhören! Denn egal, über welchen Wein, aus welchem Land oder auch aus welcher Gegend man immer auch sprach, ihre entschiedene Antwort in Pfälzer Mundart sollte dabei stets klar und nonchalant folgende bleiben: Oi, joo! Däss Gsöff doo dess iss joo nätt schläscht… Aber ess isch holt koi Pälzer! „Dieses Gesöff dort mag ja nicht schlecht sein! Aber es ist nun mal kein Pfälzer Wein!“Dabei kreischte sie aus voller Kehle heraus. Auch wenn ihre Stimme dann anschließend bei den praktischen Französischsprechübungen plötzlich leiser werden sollte und tendenziell gar zu verstummen schien. Auch wenn es um Autos ging, machte sie keinerlei Hehl aus ihrer Vorliebe für Mercedes-Benz. Und so erklang es dann schrill aus ihrer Kehle: Oi, joo! Nix geet iwä moi Benz-Wochä! Dess issäs Auto. Olles annere, des iss nix als Mischpocheskrom! „Es geht nichts über meinen Mercedes-Benz-Wagen. Denn alle anderen Autos sind für mich nichts Vernünftiges!“ Aber auch hier ließ sie sich keineswegs aus ihrer gemütlichen Ruhe bringen, sondern wusste gewieft zu erwidern: Oi, joo! Mia Pälzer hamm joo schon arsch vieles. Aber ess Schaffä, dess hammä wirklisch nätt äafunne! „Nun ja! Wir Pfälzer haben schon ungeheuer Vieles! Aber das harte Arbeiten haben wir wirklich nicht erfunden!“ Doch das sollte nun einmal auf einem anderen Blatt stehen. Wie heißt es doch im Volksmund so schön: „Der Herrgott hat viele Kostgänger. Aber niemanden, der nichts frisst!“ Und vor allem: „Niemanden, der nicht gerne Pfälzer Wein trinkt!“ Auch in Bezug auf die Qualität der Speisen in vielen Straußwirtschaften und Weinlokalen machte sie keinen Hehl daraus, laut und deutlich herauszuposaunen, wo das Essen schmecke und wo man besser seine Finger davonlassen solle. So kreischte sie dann: Oi, joo! Bei dem Soundso, doo kammä joo nimmä hingeeh’. Dess iss joo äs roinschde Bumslokalsche. Dem doo soi Schlangenfraß, des schmeckt joo wie oigeschlofene Fiiß mit Nagelschlobbes! Unn dem soi Gesöff doo, dess iss joo der roinschde Rachebutzer! Unn, wenn ma doo im Sommer, wenn’s schön iss, drausä uff dä Terrass sitze will, dann wäadd ma noch glattweg in de Kuhstall oder inn irschend ess dungel Buff buxiert! Herrschaftä nochemool, mit dem iss joo auch gaa nix mehr anzufange! „Nun ja! Bei dem Soundso kann man nicht mehr zum Essen einkehren. Das ist die reinste Spelunke. Denn seine miserablen Speisen schmecken wie eingeschlafene Füße mit Nagellack! Und dessen Wein ist der reinste saure Essig! Und wenn man zudem noch im Sommer bei schönem Wetter gern draußen auf der Terrasse sitzen möchte, wird man noch obendrein in irgendeinen dunklen Innenraum verfrachtet. Meine Güte. Mit dem ist wirklich auch nichts mehr anzufangen!“ Ihre etwas derbe, ungehobelte und konservativ bodenständige Art, mit welcher sich kein Blatt vor den Mund nahm, sollte auch bei einer anderen Gelegenheit in aller Öffentlichkeit deutlich zum Vorschein kommen: So zum Beispiel, als Ursel einmal eine Baufirma – zwecks Umbaumaßnahmen – bei sich privat zu Hause in ihre Wohnung hineinlassen sollte. Was sie dann aber in Bausch und Bogen ablehnen und mit allen Mitteln verhindern wollte. Bei diesem Anlass regte sie sich darüber maßlos auf, dass unter den Handwerkern nur noch ausländische Handwerker und keine Pfälzer oder zumindest Deutsche mehr anwesend waren. So fluchte sie alsdann in einer Kaffeepause vor allen im Gang Versammelten frei weg von der Leber: Oi, joo! Herrschaftä nochemool! Unner dene Hondwerker, doo iss joo koi Pälzer unn koi Deitscher mehr! Nur noch Neescher, Araber, Tüürge unn alles meeglische unn unmeeglische Zeigs doo! Ess iss joo nett zu glaube! Doo in Landaach, doo finnät ma joo nix anneres mehr! Ess iss joo ä Schand! Abbä miä sinn boi uns nun ämool immä noch ufm Land! Unn zwoa in de Palz! Nix doo, dess Gsocks doo, dess kommt boi miä dahaam net noi! Phh, nix als Fisimatendä unn Mischpocheskrom! Herrschaftä nochemool, wo simmä denn doo ibbehaabt noch? Also, zu gut Deutsch würde dies in etwa so lauten: „Mein Gott noch mal! Unter diesen Handwerkern gibt es keine Pfälzer und keine Deutschen mehr! Es gibt dort nur noch Schwarze, Araber, Türken und alles Mögliche und Unmögliche dahergelaufene Zeug. Es ist ja nicht zu glauben! Hier in Landau findet man inzwischen fast keine anderen Menschen mehr! Dies ist wirklich eine Schande! Aber wir leben bei uns daheim immer noch auf dem Land! Und zwar nirgendwo anders als in der Pfalz! Nein, dieses Gesindel kommt bei mir nicht zur Haustür rein! Das sind alles nur Fisimatenten und reiner Unsinn! Mein Gott, wo leben wir eigentlich überhaupt noch hier?“ Ursel Krämer war mit ihrer lebenslustig-deftigen, jedoch trotzdem sehr humorvollen Art bei allen ihren Mitlernenden und auch Unterrichtenden sehr beliebt. Auch wenn ihre Ausdrucksweisen des Öfteren mitunter ins herbe sowie tendenziell rassistisch-lokalpatriotisch gefärbte Milieu abglitten. Auch hier sieht man wieder einmal mehr, dass die von bestimmten Bevölkerungsgruppen bewusst oder auch unbewusst geschaffenen Vorurteile das Urteils- und Vorstellungsvermögen der Menschen sehr stark dominieren. Zusammenfassend gesagt, sind es eben nicht die wirklich erlebten Tatsachen, die in der Geschichte ausschlaggebend sind, sondern die Werturteile und Vorstellungen, welche sich die Leute von den besagten Fakten machen. Auch wenn Bekannte zu ihr nach Hause zu Besuch kamen, und ihren zwei Kindern Spielsachen als Geschenk mitbrachten, so sollte ihr unverhohlen die Bemerkung: Hoach jee! Schon wieder so äss unnützes Zeigs doo, was nur wieder in dä Geeschend rumfliescht. Für nix unn wieder nix. Ma kann’s joo gaa net glaube! herausrutschen. Also: „Meine Güte! Schon wieder so ein unnützes Spielzeug mehr, was nur in der Gegend herumfliegt. So überflüssig wie nur etwas. Man vermag es gar nicht zu glauben!“ Derbe Äußerungen, welche bei ihren Besuchern nicht gerade zu guter Laune beitrugen. Doch schließlich sorgte Ursel Krämer dennoch für eine lockere, entkrampfte und erfrischende Lernatmosphäre in den Studienräumlichkeiten der Sprachschule. Doch scheute sie sich nicht, auch während der Französischlektion in herber Pfälzer Mundart ihr Unbehagen auszudrücken, wenn ihrer Ansicht nach etwas überflüssig oder unnütz war. So zum Beispiel, als Mademoiselle Simone an mehreren Abenden hintereinander Arbeitsblätter austeilte, welche jedoch nur geringfügig von den Kursteilnehmenden durchgearbeitet wurden. Hier ergriff sie dann recht herb das Wort und sagte vor der ganzen Klasse: Moi Gott nochemool! Dess iss joo ferschterlich! Schon wieder soo’ äss unnütze Blättsche, däss doch nur wieder im Bobiäkoab landet! Für nix unn’ wieder nix’. Ma’ soll’s joo nett glaube! „Mein Gott! Das ist ja fürchterlich! Jetzt gibt es schon wieder so ein völlig unnützes Blatt, das ja doch nur im Papierkorb landet. Und zwar für völlig umsonst. Man kann es ja bald nicht mehr glauben!“Mademoiselle Simone, welche nur Hochdeutsch und keinen Pfälzer Dialekt verstand, ging nonchalant nach solchen emotionalen Ausrufen gelassen wieder zum Kursstoff über und forderte die Kursgruppe umso mehr mit praktischen französischen Sprachübungen heraus. Woraufhin Ursel Krämer dann ganz schnell wieder sehr ruhig und zurückhaltend werden sollte … Ursel Krämer wollte aber andererseits auch ihre Sache immer gründlich machen. So stellte sie oft präzise Fragen zum Lernstoff. Denn ihre Devise galt nun mal: Oi mool heiß gebadet iss besser als zwoi mool unner die kalde Dusch’ ghippt! „Einmal heiß gebadet ist besser als zweimal kurz geduscht!“ Aber nicht nur in Bezug auf die Handouts spuckte sie gern giftig herum. So machte sie während des Getratsches in den Pausen keinen Hehl daraus, dass ihre Mutter, Frau Gerdi Bausbacher, eine konservative, strenggläubige Katholikin vom Land, als Mitbesitzerin eines alteingesessenen Weinguts einen Großteil ihres Vermögens der katholischen Kirche vermachen wollte. Oder sie, Ursel, am Morgen immer nervte, weil sie ihre Ausgabe der Pfälzer Regionalzeitung „Die Rheinpfalz“ beziehungsweise jene des Speyerer Bistumsblatt „Der Pilger“ suchte. Und so legte dann Ursel Krämer am Kaffeeautomaten vor ihren Gesprächspartnerinnen in unverblümter Art los: Ai, joo! Moi Muddi, die vermocht alles der Kersch’! Herrschofftä nochemool! Unn’ am Morschä doo nervt se mich unn’ frocht ewisch: No, wo iss denn moi Rhoipalz unn’ moi Pilschä? Unn’, wenn ich dänn nur öbbes saach, donn hoissts nur: Joo, ich als olldä Dame in Pänksion … „Ach ja. Meine Mutti will alles der Kirche vermachen. Meine liebe Güte! Und am Morgen nervt sie mich und fragt dauernd: ‚Na, wo ist denn meine Rheinpfalz und mein Der Pilger?‘ Und wenn ich mich dann getraue nur irgendetwas zu sagen, dann heißt es immer nur: ‚Ja, ich als alte Dame in Pension …‘“Weiterhin regte sie sich bei ihrer Mutter immer wieder darüber auf, dass diese am Sonntagmorgen alle Familienmitglieder bereits um acht Uhr aus den Federn werfe, weil sie angeblich genügend Zeit für den Haushalt und die Essensvorbereitung brauche … Und so sagte sie stets: Oii, waischt, moi Muddi, die raubt änem noch de allerletzte Nerv! Am Sonndaachmorsche, doo wärd mä schoo um achte ausm Nest gschmisse mit dä bleede Sprisch: Alla hopp! Naus! Naus! Naus! Damit mä fäaddisch wäann… Jetz wärd gwärtschoftet! Obbä dabei hockt se nur in de Küsch rum, blädderd bleedsinnisch in ihre Kääsblättscha rum unn schännt iwä Gott unni Welt! „Weißt du, meine Mutti raubt einem noch den allerletzten Nerv! Am Sonntagmorgen wirft sie uns allesamt schon um acht Uhr aus dem Bett, mit den blöden Sprüchen: Raus! Raus! Raus! Damit wir mit der Arbeit fertigwerden. Denn ich muss mich jetzt um den Haushalt kümmern! Doch in Wirklichkeit sitzt sie nur stumpfsinnig in der Küche herum, um in ihren billigen Illustrierten herumzublättern und über Gott und die Welt zu schimpfen!“Oder dann auch das alljährlich sich wiederholende – sie total nervende – Theater um den Weihnachtsbaum, den ihre Mama stets am ersten Advent im Supermarkt erstand, um diesen dann über drei Wochen lang noch im Heizungskeller zu stationieren. Und dies in der fatalen Annahme, dass die Wärme im Heizungskeller der kleinen Douglasfichte in ganz besonderem Masse wohltäte. Und so sagte sie stets: Oi joo, dess Bäumel muss es halt schön kuschelig woam habbe, damit’s dann am Bescherabend, wenns Christkindel kommt, auch schön riischt! Also: „Das Bäumchen muss schön warm gelagert sein, damit es dann am Heiligen Abend schön frisch riecht!“Doch wenn sie dann zwei Tage vor Heiligabend in vorweihnachtlicher Hochfestfreude runter in den Heizungskeller ging, um ihren „grünen Liebling“zu bestaunen, so musste sie bitter feststellen, dass der Weihnachtsbaum vor Wärme fast keinerlei Nadeln mehr trug. Und so sollte dann das ganze Theater wieder in alljährlich adventlicher Freude wieder von Neuem losgehen. Häaschofftä nochemool! Uii! Mit dene Chrischtbäum iss joo heit gar nix mehr anzufange! Hoppalla, nix als uff zum Fäaschter unn ä neue Baum kaafe! – „Mein Gott noch einmal! Die heutigen Weihnachtsbäume sind zu gar nichts mehr zu gebrauchen! Darum nichts als hin zum Förster, um noch schnell einen frischen Baum zu kaufen!“Ein klassisches, vorfestliches Ritual, welches sich zu Ursels Leidwesen Jahr für Jahr immer wieder in neuem Glanze und neuer theatralischer Inszenierung zum Leidwesen aller Familienangehörigen wiederholen sollte. Und so äußerte sich Ursel auch stets unverhohlen, dass gemäß ihrer Erfahrung viele Männer im hauswirtschaftlichen Bereich sehr unbeholfen, um nicht zu sagen recht trottelhaft und tollpatschig seien. So sagte sie beispielsweise eines Abends frei von der Leber bei einer der vielen Diskussionen während der Kaffeepause: Oi joo. Phh! Männer olloi im Haushalt beflisse … Joo, däss iss schoo’ schlimmer als voll in die Bux gschissä! „Nun ja! Wenn man Männer alleine im Haushalt herummengen lässt, so ist dies oft schlimmer und verheerender, als wenn sie voll in die Hose gemacht hätten!“Doch auch in anderen Lebensbereichen und praktischen Alltagsgegebenheiten war sie alles andere als aufs Mundwerk gefallen. So erzählte sie beispielsweise allzu oft, in Hinblick auf Familienprobleme mit Schwiegermüttern allgemeiner Natur: Oi waischt! Mit dene Schwieschertiescher issäs halt nummä so … De Schwieschertiescher, die braucht mo halt vor alläm ols Erblosser’! Wenn ma jung iss, doo iss mä froo, dass sich die Muddi um die Kinner kimmät. Wenn denn ämol die Kinner ausäm Gröbschte naus sinn’, dann fängt moa aa’, sich middem Schwieschertiescher in dii Hoo’ zu krischä… Unn’ wänn donn ämool de Schwieschertiescher gstoabä iss, joo dann mocht mä äss groosses Trara. Unn’ mo soocht: Oii, woa, die Muddi doch ä ganz Liebä! Unn’ däss voralläm dann, wenn sie noch äss diggäss Sparkonto auff dä Spoakoss’ für ihre Bagasch’ zurücklässt… Och, däss iss doch immä däss Sälbä! Also auf Hochdeutsch formuliert: „Ja weißt du! Mit den Schwiegermüttern ist dies nun einmal so eine Sache. Die Schwiegermutter, die braucht man vor allem als Erblasser! Wenn man jung ist, so ist man froh darum, dass die Schwiegermutter sich um die kleinen Kinder kümmert. Doch wenn die Kinder dann einmal aus dem Gröbsten heraus sind, dann beginnt man, sich mit der Schwiegermutter zu streiten. Und wenn dann wiederum später die Schwiegermutter verstorben ist, dann macht man um sie ein großes Trara. Und man sagt dann heuchlerisch: Ach, was war die Mutti doch für eine liebe Frau! Und dies vor allem, wenn sie noch ein dickes Sparkonto bei der Sparkasse für ihren familiären Anhang zurückgelassen hat! Ach ja, dies ist doch immer dieselbe Geschichte, die sich wiederholt!“In Hinblick auf den Pausenkorridor und die Toiletten in der Lingua-futura-Sprachschule gab Ursel Krämer nur ein einziges, aber klares Statement von sich: Pui daii! Bää. Hiä kommä joo au’ goanix mehr äße oddä dringe … Däss iss’ joo olles soo versifft unnä Sauschtoll wie middeene Dailedde. Dii sinn’ hold immä dodoal väasifft unn väaschissä’, wämma doo druffgeet! Herrschofftä nochemool! Die Hüscheene! Uiii, die Hüscheene! „Pfui Teufel, hier kann man ja auch überhaupt nichts mehr essen oder trinken! Das ist ja alles so versifft und ein Saustall wie mit den Toiletten. Die sind halt immer bekleckert, wenn man auf sie gehen will! Um Himmels willen! Wo bleibt denn da nur die Hygiene? Ja, die Hygiene?“Ein ähnlich gelagertes Original des Pfälzer Urmenschenschlags sollte Liesl Stübinger aus Frankweiler sein. Liesl Stübinger war von Haus aus Innenarchitektin und arbeitete bei einer entsprechenden Art-&-Design-Firma in Landau. Auch sie konnte den Verlockungen des Kurses DELF tout public A1 bei Jean-Luc Dabadier nicht widerstehen, zumal es um ihr Schulfranzösisch eher grenzwertig, um nicht zu sagen sehr dürftig bestellt war. Und als moderne, proeuropäisch eingestellte Frau, gerade hier im Grenzland, gehörten solide Französischbasiskenntnisse einfach mit dazu. Liesl zeigte sich überall als kontaktfrohe, redselige und gesellige Gesprächspartnerin in den Kursen, aber auch während den Pausen. Nur ihre ewige Jammerei konnte so manch einem mitunter auf den Nerv gehen. So jam
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Das Pfälzer Mundwerk – Die Pälzer Gosch
Schlagfertig und treffsicher in allen Lebenslagen
Doch nun von den Leidensthemen der großen weiten Welt wieder zurück in die Pfalz, hin zu unseren lieben Kostgängern in den Sprachkursen! Denn genau hier sollte es beispielsweise die vom Sozialamt zwecks beruflicher Reintegration – um letzten Endes deren Untergang im exzessiven Alkoholgenuss zu verhindern – in den DELF-tout-publi- A2-Kurs geschickte, vollschlanke, griesgrämige „Büro-Stinkschnitte“ mit dem Namen Adele Herrschbach geben. Von vielen Kursteilnehmenden als „die schreiende Fettwanze im Pausenflur“betitelt, sollte sie sich in deftigem und herbem Pfälzer Dialekt frei weg von der Leber über ihre Ex-Schwiegermutter, welche Hauswirtschaftslehrmeisterin war, und ihrer Einstellung zu Schwiegersöhnen jeder Art abrupt äußern: Oi, wissä Sie! Döchtermännä die sinn’ wie Känguruhs! Groose Spring unn nix im Beiddel. Oddä bessä g’socht: Bleede Färz im Kopp unn digge Erbschofte inde Noos, aber koi miide Robbä uff de hoohe Konnt! Aber donn ä Schwieschermuddä als Hauswärtschoftlehrerin – phh – doo geet’s linksrum! „Also, wissen Sie! Schwiegersöhne sind wie Kängurus. Große Sprünge und nichts im Beutel. Oder besser gesagt, viele Verrücktheiten im Kopf und dicke Erbschaften in der Nase, aber keinen müden Rappen auf der hohen Kante! Aber dann bedarf es einer Schwiegermutter als Hauswirtschaftslehmeisterin. Doch dann geht es linksherum!“Auch ihren momentanen Lebenspartner titulierte sie stets: Der väaweeschene Mischtgiggel, doo iss gonz zwärsch unn gäggisch! „Dieser verwegene Mistkerl dort ist ganz verschlagen und querschlägerhaft!“Und so sagte sie, eigentlich als mütterlichen Rat gut gemeint, an die in der Pause versammelten, zuhörenden, jüngeren Kursteilnehmenden: De Abbel fällt net woit vom Stomm! Drum schau dia erscht emool de Schwieschertiescher ooh! Hatt dänn schon de Schwieschermuddä Hooa uf de Zään, no dann fällt in de Eeh noch so monsche Trään! Dänn de Abbel fällt nie woit vom Stomm, drum schau’ dia immä erscht ämol guud die oldä Hex’ aa! „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Darum schaue erst einmal gut den Schwiegertiger an! Denn hat schon die Schwiegermutter Haare auf den Zähnen, dann fließt in der Ehe noch so manche Träne! Der Apfel fällt nie weit vom Stamm, drum schaue dir immer erst gut einmal die alte Hexe an!“Weiterhin verkniff sich Herrschbach beim Anblick junger, schlanker und gutaussehender Frauen in der Schule keineswegs den deftigen Kommentar: Herrschofftä noch emool! Uiii! Die iss joo soo schloank, soo schloank, uiii, soo schloank! „Meine lieben Herrschaften! Meine Güte! Diese Frau dort ist ja so schlank!“Woraufhin sich beim Zuhören im Gang alle Köpfe verdrehten und mehr auf die dicke, fette Adele mit ihren schwulstigen Speckarmen starrten als auf die besagten schlanken Frauen, um die es sich da eigentlich drehte. Gleiches sollte auch gelten, wenn sie über ihre Essgewohnheiten sprach. Wenn sie dann beim Essen vor allem bei Süßigkeiten tüchtig zupackte, dann tat sie dies schnaufend mit den Worten: Uiii! Fäscht, fäscht, fäscht! Uiii, däss Zeigs doo iss soo dellischäs. Hoach jee, soo dellischäs! „Oh! Nun heißt es fest zupacken! Denn dieses Zeug ist so köstlich! Einfach so köstlich!“Dabei sprach sie jedoch immer wieder von einer vorgesehenen F. d. H. – das heißt „Friss die Hälfte!“. Also einer radikalen Fasten- und Diätkur, welche sie jedoch nie durchzuhalten vermochte. So betonte sie in den Kaffeepausen immer wieder, dass sie gerne Apfelkompott gegessen hat und dazu einen Schoppen Pfälzer Rotwein trank. Doch oft habe sie dann Magenkrämpfe erlitten, da der Rotwein und das süße Kompotte zwangsläufig zu Gärungen geführt hätten, was dann natürlich Bauchschmerzen zur Folge hatte. Adele Herrschbach kommentierte dann jene besagten Vorfälle in nonchalanter Pfälzer Art: Uiii! Hoach jee! Isch hamm misch wieder nätt gehalle! Uiii! Unn jätz hammer wieder de Flubbäs unn däss gonnsä Deoodä. Menschenskinner nochemool! „Oh jeh! Ich habe mich wieder einmal nicht an die Gesundheitsregeln gehalten. Und jetzt habe ich wieder Durchfall und das ganze Theater! Menschenskinder nochmal!“So manche bekleckerte und versaute Toilettenanlage in den heiligen Hallen der Lingua-futura-Sprachschule sollte bestes Zeugnis über ihre Unverträglichkeiten abgeben können. Stets wohl positioniert zwischen Kaffeeautomat und Bistrotischchen, mit dem Kaffee-Plastikbecher in der Hand, wurde sie bei allen Pausenbesuchern zum Musterexemplar der griesgrämig, widerspenstig schweißtriefenden, fetten, schnaufenden und „pfälzisch babbelnden Dampfmaschine“, welche nichts anderes im Sinn und kein anderes Gesprächsthema parat hatte, als vor Hinz und Kunz – sei dies über ihren Exmann oder ihren momentanen Partner – ihre verwegenen Gören, ihre Ex-Schwiegermutter oder sei es nur allgemein über alle Männer niederträchtig herzuziehen beziehungsweise unentwegt über diese hemmungslos herumzustänkern, weil sie in ihnen allen nichts anderes als reine, von ihrer Libido her ferngesteuerte wilde, ungezügelte Monster sah, die in ihrem Wesen nur von einem einzigen animalischen Instinkt durchdrungen sowie besessen seien und zwar von der Sucht, ihren Schwanz irgendwo zwischen zwei Beine hineinschieben zu können. Woraufhin dann eine ebenfalls vom Südbalkan herkommende Kursteilnehmerin aus dem Kurs Deutsch & Integration am Nebentischchen, welche gerade genüsslich ihren Pausendöner mit Fladenbrot und – auf den Boden tropfender – stinkiger Knoblauch-Joghurtsauce verdrückte, in gebrochenem Deutsch hinzufügte: „Den Kerlen sollte man sowieso allesamt den Schwanz abschneiden!“Nicht auf große Gegenliebe sollte diese Aussage jedoch bei Nicolae Ciobanu, einem jungen Moldawier, der auch am Kurs Deutsch & Integration teilnahm, stoßen. Beim Hören dieser recht deftigen, männerfeindlichen Bemerkungen ergriff er kurzum seinen Kaffeebecher und schüttete die elendige, heiße Kaffeebrühe jener besagten Kurskollegin im Handumdrehen über den Wrack, so dass diese aufschreiend, blitzartig in die Toilette davonrannte und verschwand: Nicolae Ciobanu war als ewiger Kursteilnehmer bei der Lingua-futura-Sprachschule weitaus mehr als nur einer der vielbekannten Kostgänger unter der wärmenden, strahlenden Pfälzer Sonne. Als klassischer Wirtschaftsmigrant, der mit einer Touristenaufenthaltsbewilligung vor rund vier Jahren nach Deutschland eingereist war, dann aber nicht mehr nach drei Monaten – wie eigentlich gesetzlich vorgesehen – ausreiste, sondern seither unter einem Decknamen bei befreundeten Landsleuten wohnte, hatte schon viele Deutschkurse bei der Lingua-futura-Sprachschule angefangen, dann aber immer wieder auf mysteriöse und unerklärliche Weise abgebrochen. Und dies kam auch nicht von ganz so ungefähr: Nicolae machte sich über all die Jahre in Deutschland als Hilfsarbeiter im Catering, in der Möbelspedition und als Hilfsautomechaniker bei der Firma Schwarzmann & Söhne verdient. Das heißt, um es einfacher zu sagen: Er arbeitete die ganze Zeit über schwarz als Kalfakter bei verschiedenen, überwiegend von Migranten geführten Kleinbetrieben und musste folglich immer wieder flexibel sein, um kurzfristig bei Bedarf einspringen zu können. Seine Umgangskultur in holprigem Deutsch war auch mehr oder weniger vom rüden Fließbandarbeiter-, Tankstellen-, Baustellen- und Werkstattmilieu geprägt. Ein weiterer männlicher Kursteilnehmer oder Kostgänger der ganz speziellen Sorte aus dem abendlichen Parallelkurs Deutsch & Integration, welcher ebenfalls die unangebrachte Bemerkung der balkanischen Kursteilnehmerin bezüglich der männlichen Geschlechtsteile nur so auf einem halben Ohr mitbekam, ließ sich nicht irritieren, unverzüglich zur konkreten Gegenoffensive anzutreten: Und zwar im Pausenflur inmitten der Kaffeepause eine Stinkbombe, welche er schon des längeren mit sich in der Tasche trug, vor allen Leuten platzen zu lassen. Fluchtartig sollten daraufhin die Kursteilnehmenden sämtlicher parallel verlaufender Abendkurse wieder in den liebevollen Schoss ihrer Klassenzimmer sehnsuchtsvoll zurückströmen. Noch zwei lange Tage lang musste das Housekeeping-Team der Schule die Räumlichkeiten lüften, desinfizieren und parfümieren, ehe der hartnäckige, penetrante Gestank der Stinkbombe endlich wieder abgeflaut war.
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Pfälzer Koryphäen zwischen Höhenflügen und Schicksalsschlägen
Nichtalltägliche Pfälzer Lebensgeschichten zwischen Bluff, Geselligkeit und Tränen
Und dennoch wäre es etwas einseitig, behaupten zu wollen, dass sich die erlebten Schicksalsschläge nur auf Migranten beziehungsweise Besucher und Besucherinnen des Kurses Deutsch & Integration beschränken ließen. Nein, so gab es eines Abends auch eine Seniorin, Frau Hilde Krieger, welche mit 71 Jahren noch bei der Lingua-futura-Sprachschule einen Französischkurs für bereits fortgeschrittene Anfänger, also Niveau A2 belegte und in der Pause vor dem Kaffeeautomat aller Welt ihr Leid mit ihrem an Alzheimer erkrankten Ehegatten, dem ehemaligen bekannten Landauer Papierfabrikanten Gustav-Philipp Krieger, klagte. Dass sie jetzt in Ruhe im fortgeschrittenen Anfängerkurs ihr Französisch bei der besagten jungen Französin Simone Cheveunier auffrischen konnte, sei alleinig dem Umstand zu verdanken, dass ihr Herr Gemahl seit zwei Monaten in einem Altersheim in Hauenstein, im Pfälzer Wald, untergebracht war. Dieser hatte ihr in den letzten anderthalb Jahren das Leben wahrlich zur Hölle gemacht. Es fing damit an, dass er in seinem verworrenen Kopf ihren schicken Damen-Sport-Coupé mit Diesel statt mit Benzin betankte und sie folglich dann die ganze Brühe mittels eines Schlauchs – dank der Hilfe eines Pannenhilfe-Fahrzeugs der ADAC–Straßenwacht – abpumpen lassen musste, um einen größeren Motorschaden noch im letzten Moment vermeiden zu können. Und so habe ihr Herr Gemahl alsbald danach – immer, wenn sie in der Stadt zum Einkaufen unterwegs war – den Rohrreinigungs-Service angerufen und diesen kommen lassen, da anscheinend eine der Toiletten in ihrer Villa in Arzheim am Stadtrand von Landau verstopft gewesen sei. Was sich aber jedes Mal von neuem als reiner Blödsinn herausstellen sollte … Sie aber hingegen jedes Mal verpflichtete, finanziell für den bestellten Einsatz der Rohreinigungs-Firma aufzukommen. Weiterhin habe er, nachdem sie dann die Telefonnummer vom Rohrreinigungs-Service sperren ließ, unverfroren eine Heizöl-Firma kontaktiert und wiederholte Male einen großen Tanklastwagen mit 2000 Liter Heizöl kommen lassen, obwohl das Haus seit rund zehn Jahren vollständig auf Gasheizung umgestellt war. Nachdem Hilde Krieger auch das besagte Heizöl-Unternehmen hatte blockieren lassen, sollte sie dennoch eines schönen Tages bei ihrer Rückkehr vom Stadteinkauf ihr blaues Wunder erleben. Doch zuvor sollte ihr trauter Herr Gemahl für sie noch eine weitere „kleinere Überraschung“ parat haben: So zum Beispiel, als dieser sich ein weiteres Mal, während ihrer Abwesenheit, beim allvormittäglichen Stadteinkauf ans Telefon hing und unverfroren bei einem stadtbekannten Landauer Schnell-Imbiss und Catering-Unternehmen anrief. Dort bestellte er, angeblich für eine private Firmenjubiläumsfeier in seiner Villa, obwohl die Firma schon seit über zehn Jahren verkauft war, sage und schreibe: 20 Cheeseburger, 20 Hamburger, 20 Mini-Pizzas, 25 American Muffins sowie zwei Kilo frisch zubereitete Pommes Frites, drei Flaschen Ketchup, fünf anderthalb Liter-Flaschen Cola sowie ein Kilo frischen, gemischten Frühlings-Salat mit Cocktail-Sauce, French und American Dressing. Nachdem dann die Catering-Firma mit ihrem Lieferwagen die ganzen zubereiteten Speisen professionell verpackt, inklusive Plastiktellern, -besteck und Pappbechern, in einem Thermowagen frei Haus lieferte, konnte Hilde – völlig entsetzt über jene Bestellung – die ganze Ware nur noch in einen Container werfen, da für sie und ihren Mann keinerlei Verwendung für diese großen Mengen an Fast-Food-Speisen bestand. Oder dann ein paar Tage später, als Gustav-Philipp Krieger bei einer alteingesessenen Landauer Tierhandlung drei Säcke Sittichfutter bestellte und diese sich frei Haus liefern ließ, obwohl er und seine Frau seit Jahren überhaupt keinerlei Haustiere – geschweige denn Tropenvögel – mehr besaßen. Doch der Gipfel allen Unmöglichen sollte erst noch kommen. Als Hilde eines schönen Vormittags vom Einkauf in der Stadt wieder zurück durch das Hoftor zu ihrem Anwesen kam, konnte sie ihren Augen nicht mehr trauen: Das ganze Haus war mit bewaffneten Polizisten umstellt und bewacht. Kaum näherte sie sich dem Anwesen, nahm einer der Polizisten sie sofort ins Kreuzverhör und überprüfte auf akribischste Art ihre Papiere. Doch was war denn passiert? Ihr dementer Herr Gemahl verständigte unverzüglich nach ihrer Abfahrt zum Stadteinkauf die Kriminalpolizei, da er sich angeblich von „einer ihm unbekannten circa 70-jährigen Frau“ permanent bedroht und verfolgt fühlte, welche ihm – gemäß seiner verworrenen Aussage – eiskalt mit dem Messer nach dem Leben trachten wollte. Folglich versuchte sie anfänglich noch eine Altenpflegefachkraft anzustellen, um das Schlimmste noch von sich abwenden zu können. Doch nachdem ihr trauter Göttergatte die besagte Pflegefachkraft nicht akzeptieren wollte und diese von morgens bis abends nur schamlos drangsalierte, reichte diese bereits nach eineinhalb Wochen ihre Kündigung ein. Nach all diesen Vorfällen gelang es dann Hilde Krieger dennoch, ihren trauten Göttergatten Gustav-Philipp Krieger mittels eines fachärztlichen Zeugnisses in die besagte Pflegeeinrichtung nach Hauenstein zu überweisen. Doch bevor er dann von der Ambulanz abgeholt und in besagtes Seniorenheim überführt wurde, zeigte sich der altehrwürdige Landauer Papierfabrikant nochmals voll von seiner handwerklich-kreativsten Seite und ließ es bei sich daheim noch einmal so richtig krachen. So zerlegte er die Fernbedienung vom Fernseher in 100 Einzelteile, welche dann über den ganzen Perserteppich zerstreut herumflogen; warf das alte Kofferradio im Esszimmer samt dem Fernsehflachbildschirm im Wohnzimmer kurzerhand zum Fenster in den Garten raus, demontierte die Toilettenspülung inklusive der WC-Brille in der Gästetoilette, bis alles überschwemmt war, und ließ in der Küche alle vier Herdplatten samt Backofen volle Pulle auf der maximalen Heizstufe erglühen. Quasi als eine Art vorweihnachtliche Festbeleuchtung. Dass es dabei nicht zu einem Hausbrand kam, sollte für alle Beteiligten ein wahres Wunder bleiben. Folglich bleibt es leicht nachzuvollziehen, dass Hilde Krüger beim Abholen ihres Ehemannes drei Kreuze schlug, wenn nicht sogar vier oder noch mehr. Nach all diesen Eskapaden war Hilde Krieger mit ihren Nerven so am Ende, dass sie sich zwei Monate lang in einem Sanatorium in Schönwald im Hochschwarzwald erholen musste, um wieder in ein normales Leben zurückfinden zu können. Gilt auch hier der alte Lebenserfahrungsgrundsatz wieder einmal mehr: Die Entscheidung, in ein Sanatorium gehen zu müssen, spiegelt bei jedem Menschen einen langen, leidvollen und vor allem schmerzhaft durchlebten Leidensweg wider! Oder vereinfacht und besser gesagt: Der Weg ins Sanatorium ist das Endresultat eines langen, kontinuierlichen Leidensweges! Hingegen jetzt, also nach Ende der ehelichen Sonder-Vorstellungen, oder besser gesagt, dem tumultuösen Hexensabbat, konnte sie endlich wieder aufatmen und sich somit wieder ihren persönlichen Neigungen und Interessen widmen. Mit Freude genoss sie bei Mademoiselle Simone den erfrischenden Französischkurs Niveau A2, welcher für sie geradezu eine therapeutische Funktion einnahm. Ganz konkret belegte sie als gebürtige Schweighofenerin, also direkt von der deutsch-französischen Grenze herkommend, den Kurs DELF tout public A2. Nach all den schmerzhaften, leidvollen Erfahrungen, bedingt durch die tragische Krankheit ihres Mannes, konnte nun Hilde wieder erneut innerlich aufblühen. Und so erfreute sie sich am A2 Französischkurs an den sehr netten Kurskollegen und Kolleginnen sowie an der sehr kompetenten dynamischen und kreativen Französischlehrerin Simone Cheveunier, welche es als Südfranzösin an jedem Kursabend immer wieder von Neuem fertigbrachte, ihre persönliche Leidenschaft für Frankreich und die französische Sprache mit ihren Kursteilnehmenden konstruktiv zu teilen. Hilde sagte oft und immer wieder, dass nach all dem erlebten Schrecklichen jener Französischkurs bei Mademoiselle Simone ihr wieder das verlorene Selbstvertrauen sowie ihre untergegangene Lebensfreude zurückgeschenkt habe: „Ja, in dieser wundervollen Kursgruppe, umgeben von einem Hauch unverdorbenen Frankreichs, betreut von einer fantastischen Kursleiterin, konnte ich wieder einen Hauch meiner unbeschwerten Jugend im Grenzland wiederentdecken und ausleben. Spielerisch und unterhaltsam eine Sprache lernen und perfektionieren zu dürfen, ist etwas Wunderbares! Daher: Hut ab vor der Lingua-futura-Sprachschule und allen ihren liebenswerten, kompetenten und hilfsbereiten Lehrpersonen! Denn es ist im Leben nie zu spät, etwas Neues dazuzulernen. Man muss es einfach nur anpacken, durchziehen und konsequent ins praktische Leben umsetzen wollen!“Eine beziehungstechnisch etwas ähnlich gelagerte Kurskollegin sowie ein Original sondergleichen, auch wenn die Ausgangslagen verschiedener nicht hätten sein können, sollte eine gewisse Małgorzata Wiśniewska, genannt: Wiśniewski, im Kurs DELF tout public A2 sein. Die gebürtige Polin aus Kostrzyn bei Posen wuchs in einer siebenköpfigen Familie als Tochter eines Bäckermeisters und einer Frisöse in Bottrop, einer Industriestadt im Ruhrgebiet, auf. Als gutaussehende Blondine mit kräftiger, gutaussehender Figur und schweren Brüsten schlug sie jedoch nicht den Weg einer Bäckerin, Frisöse oder Gastronomin ein, wie vom Elternhaus eigentlich erwünscht und eigentlich vorgesehen, sondern verdingte sich als Barmaid in verschiedensten Bars und Etablissements, zuerst vom Ruhrgebiet angefangen, weiter über Kölner Stripbars und Party-Etablissements bis hinunter nach Baden-Baden. Dort sollte sie dann auch ihren 28 Jahre älteren Lebenspartner, den gelernten Drogisten und ehemaligen, lange Zeit in Mannheim tätigen Fotohändler Jockel Beck aus dem westpfälzischen Zweibrücken kennenlernen. Beck war in allen Casinos, beidseits von Saar und Rhein, sei dies in Baden-Baden, in der Südpfalz oder auch in Niederbronn-les-Bains im Nordelsass, nicht nur als Casinocowboy und Jäger, sondern vor allem auch als rabiater Charmeur, Kavalier, Draufgänger und Schürzenjäger überregional wohlbekannt! Somit verkörperte er wahrlich alles andere als den Nachfahren jenes Mannes, dem man einst das Volkslied „Ein Jäger aus Kurpfalz“ widmete. Oder für den auch der Pfälzer Leitsatz: De Jeescher iss aach Heescher! – „Der Jäger ist auch ein Wildheger!“ gelten mag.
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Bewegte pfälzer Lebensgeschichten
Auf der Gratwanderung zwischen Pragmatismus und Fehltritten
So zum Beispiel von Gertrud Schefferle, der Ehefrau des in Landau wohnhaften und auch im Landkreis Südliche Weinstraße tätigen angesehenen Amtsarztes. Gertrud war seit langer Zeit als Sekretärin in einer Weinhandelsfirma in Herxheim bei Landau tätig. Deshalb brauchte sie jetzt ebenfalls den DELF-tout- public -B2-Abschluss. Als 56-jährige Ehefrau und Familienmutter hatte sie in ihren 30 Ehejahren auch schon so manchen Seitensprung seitens ihres trauten Herrn Gemahls miterleben und bitter tolerieren müssen. So sah man sie an einem Abend in der Kaffeepause zusammen mit Irmgard Böringer, einer anderen älteren Kursteilnehmerin, welche im Human Ressource einer deutsch-französischen Freizeitmodeartikelfirma tätig war. Die beiden Damen waren miteinander im Gespräch vertieft. Gegenstand der angeregten Gespräche sollten die in Gertruds Augen etwas zügellosen sexuellen Gepflogenheiten ihres Ehegatten, dem besagten Landauer Amtsarzt Dr. Arnold Schefferle, sein. In jenem angeregten Austausch erklangen ihrerseits folgende herzhaften Worte im Pfälzer Dialekt: Ach waischt, ich gäb do koi Daitt mehr für des woss ä macht. Er hat holt es Dechtelmechtel mit soinä Frisös, dem Giselasche aus Offebach. Ach, mia issäs joa recht, wenn er mit der soi Rabbelsche moche kann! Es Giselasche hatt halt äbbä immer fäsche Miniröck’ onn, unn’ is holt arsch käss … Främdgehe dut er ja sowieso! Unn wänn er äs Giselasche nett hätt, dann werd ’er nach Karlsruh’ zur Hurr’ geh’, unn werd’ unsä gonzäs Gelt zum Fenschtä nausschmoise! Dess iss holt boi dä Männa immä ä roine Soch vom Sex! Besser er hatt äs Dechtelmechtel middäm Giselasche, als däss er sisch onn unser Butzfrau ronnmacht …“Also, auf Hochdeutsch formuliert: „Weißt du, ich kümmere mich nicht mehr darum, was mein Ehemann macht. Er hat ein Techtelmechtel mit seiner Frisöse, dem Giselachen aus Offenbach. Gisela trägt immer kurze Röcke und ist sehr kess. Fremdgehen tut mein Mann sowieso. Und wenn er nicht mit Gisela seinen Sex haben könnte, würde er nach Karlsruhe zur Hure gehen und unser ganzes Geld zum Fenster hinauswerfen. Bei den Männern ist dies stets eine reine Sexsache! Es ist mir lieber, er hat ein Techtelmechtel mit dem Giselachen, als dass er sich an unsere Putzfrau heranmacht …“Ihre Gesprächspartnerin Irmgard Böringer sollte darauf nur kurz und spontan erwidern: Ai, waischt, Gerdi. Die Männa sinn’ doch all’ zwärsch unn’ gäggisch! So lang sä noch jung unn’ attraktiv sinn’, do gäbbe sä koi Deut um uns Weiber. Aber wänn sä donn alt unn’ schrumbelisch sinn’, donn versuchä säs wieder, zu uns Weibä dursch’s Hinnäapördl zurückzukommä. Däss iss doch immä wieder dieselbe Sach’! „Ach weißt du, Gerdi! Die Männer sind doch alle querschlägerisch und ein bisschen verrückt. Solange sie jung und attraktiv sind, kümmern sie sich einen Bohnendreck um uns Frauen. Doch wenn sie dann alt und gebrechlich werden, dann versuchen sie wieder auf die sanfte Tour durch die Hintertür zu uns Frauen zurückzukommen. Das ist doch immer wieder dasselbe!“
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Und führe uns nicht in Versuchung
Sondern halte unseren gesunden Menschenverstand stets wachsam!
Doch dann wurde es allmählich Sommer, das Thermometer stieg an und die erste sonnenstechende Hitzewelle lag mit drückend schwüler, feuchtdunstiger Luft über der Rheinebene entlang der Deutschen Weinstraße zwischen Karlsruhe, Neustadt, Speyer und Mannheim. Die in der Pfalz viel gerühmte Spargelsaison als landesweit bekannter, frühsommerlicher Event war inzwischen zu Ende gegangen. Und so sollte man inzwischen immer mehr Felder in der Rheinebene sehen, welche bedingt durch die in den letzten Jahren immer häufiger auftretenden, langanhaltenden Trockenheitsperioden mit großen Wasserspritzern bewässert werden mussten. Doch entsprechend den erhöhten Temperaturen sollte sich auch die Kleidung der Kursteilnehmenden den klimatischen Gegebenheiten der sonnenverwöhnten Südpfalz anpassen. Und dies betraf allen voran Christiane Schönlechner! An ihre langen Seiden- oder Miniröcke sowie hautengen Blusen und Neckholder ohne BH und stets sichtbaren silberfarbigen Bauchnabelpiercings und Multicolor-Tattoos auf ihrem Bizeps hatte man sich ja inzwischen längstens gewöhnt, doch nun sollte es erst einmal so richtig rundgehen. Und so kam dann auch Christiane an einem Abend, Mitte Juni – man mag es kaum glauben wollen – nonchalant im Bikini in den Kurs! Ihre künstlichen, aufgeklebten Hand- und Fußnägel pinkfarbig lackiert, goldglitzernde Sandalen mit hohen Absätzen sowie an den Handund Fußgelenken rasselnde Goldkettchen mit Herzchen und Küsschen tragend, musste sie beim ersten Anblick einem jeden männlichen Betrachter geradezu die Spucke verschlagen. Noch verstärkt wurde das Ganze durch den ihre Hüfte schwingenden, erotisierenden, tänzelnden Gang, der ganz dem Stil einer jeden Dame du métier entsprach. Obendrein kam dazu, dass sie vor lauter Makeup in der drückenden Wärme stinkend, regelrecht in eine dampfende Parfümwolke eingehüllt war, so dass man schon fast Husten – um nicht sagen zu wollen gar Brechreiz bekommen sollte. Als sich Christiane von der Kaffeemaschine in Richtung Kursraum begab, verdrehten sich alle Köpfe in den Gängen der Lingua-futura-Sprachschule und warfen ihr völlig erstarrte Blicke nach. Selbst der Kaffeeautomat schien auf einmal an plötzlichen, ruckartigen, epileptischen sowie technischen Störungen zu leiden … Und nur noch braunes Schmutzwasser tropfte aus den Ritzen der alten kaffeekochenden Dreckschleuder auf den versifften Teppichboden. Doch Christiane fühlte sich in ihrer besonderen Rolle offensichtlich pudelwohl! Auf den hinteren billigen Reihen im Kursraum hörte man das Gemunkel, dass schließlich heute immer mehr Leute einen Sprachkurs nicht mehr in erster Linie besuchen, um diszipliniert eine neue Sprache zu erlernen, sondern um andere Leute und neue potenzieller Partner beziehungsweise Partnerinnen kennenzulernen oder besser gesagt, aufzugeilen. Vereinfacht bleibe hierbei anzumerken: „Wenn’s daheim im Nest nicht mehr richtig klappt, dann wird’s Zeit sich bei einem Sprachkurs, welcher Art oder bei welcher Sprache auch immer, einzuschreiben und somit sein Glück anderswo zu probieren!“So die mitunter landläufige Meinung einiger vorwiegend jüngerer Kursteilnehmenden. Folglich sei doch Christianes Benehmen völlig verständlich und durchweg akzeptabel. Und dies sollte zweifelsohne auch die weitverbreitete Meinung etlicher Teilnehmenden aus den verschiedensten parallel verlaufenden Abendkursen während der Pausen am Kaffeeautomaten sein. Ja, was sollte denn hierbei überhaupt das Problem sein? Als der Abendkurs begann und Al-Jumaili mit dem Besprechen der schriftlichen Hausaufgaben und einigen grammatikalischen Erläuterungen anfing, war das Gemunkel im Saal nicht mehr zu überhören. Wenn auch Christiane – wie alle letzten Termine – ihre Hausaufgaben nicht löste und wie eh und je vor einem leeren bekritzelten Blatt saß oder mit ihrem Mobile planlos umherspielte, so wurde allmählich auch Said Al-Jumaili durchaus nervös. Zudem schoss Christiane Schönlechner entsprechend ihres Outfits und ihrer jeweiligen exhibitionistischen Körperposition während des Kurses ungehemmt Selfies, welche sie dann irgendwelchen seichten Kerlen und schrägen Vögeln ihrer Entourage mailte. Oder je nach dem dann auf diversen sozialen Netzwerken postete. Ja, der Unruhefaktor in seiner Kursgruppe war jetzt einfach nicht mehr zu überschauen. Und dennoch: Die Termine der schriftlichen und mündlichen DELFtout-public-B2-Prüfungen näherten sich in schnellen Schritten. So übten auch die Kursteilnehmer vermehrt Nachdruck, unvermindert mit dem Lernstoff ungestört, schnell fortschreiten zu können. In den Kaffeepausen begannen sich Teilnehmende über Christiane lustig zu machen oder darüber zu diskutieren, was sie überhaupt mit einem solchen Diplomkurs erreichen will. Dass die Lingua-futura-Sprachschule sie als zahlende Kundin nicht so ohne Weiteres rauswerfen konnte, war allen voran auch Kursleiter Al-Jumaili klar. Doch ihre erotischen Annäherungen, gehauchten Küsschen, perfide anbaggernden Emails an alle männlichen Kursteilnehmer und ins Ohr benachbarter Männer geflüsterten Bemerkungen ließen deren sprachlichen Lernprozess äußerst reduzieren beziehungsweise hormonell bedingt sanft auf Sparflamme köcheln. In den Pausen häuften sich nun mehr und mehr die Rückmeldungen gegenüber Christiane, sie solle doch konsequent sein und gefälligst den Kurs abbrechen, wenn es ihr letztlich nur darum ginge, ihren gepiercten und tätowierten Körper zur Schau zu stellen, um fremde Männer, die sich nicht die Bohne für sie interessieren, aufzureißen. Doch Christiane entgegnete all jenen Vorwürfen ganz souverän mit der Antwort: „Auch ich habe, wie Sie alle, die vollen Kursgebühren entrichtet und ich möchte das Diplom DELF tout public B2 erwerben, um bei irgendeiner Agentur als Kontaktmanagerin unterzukommen.“Nun ja, bleibe es nun jedem einzelnen überlassen, was immer man sich unter diesem etwas speziell formulierten Begriff vorstellen mag … Christiane erwiderte stets, dass Kleidung, Sexappeal und Verhalten nichts mit ihrer persönlichen Lernmotivation zu tun haben und man schließlich auch nicht Menschen und ihre Lerndisziplin beziehungsweise -qualitäten rein nach dem Äußeren beurteilen dürfe. Auch einige jüngere männliche Kursteilnehmer ließen sich letztlich nicht die Chance entgehen, mit Christiane nach dem Kurs in irgendeiner Landauer Kaschemme in den Gassen rund um den Paradeplatz noch etwas trinken zu gehen. Und dies implizierte, dass sich so manch einer heimlich in seinem Innersten Gedanken machte, die sich ihm anbietende Gelegenheit zu noch etwas mehr nicht entgehen zu lassen. Sondern daran glaubte, diese unverhohlen, genussvoll in vollen Zügen ausnutzen zu können. So beispielsweise ein gewisser Markus Göbinger, ein jüngerer Außendienstmitarbeiter einer alteingesessenen Weinexportfirma aus Maikammer, der im Auftrag seines Arbeitgebers seine beruflichen Aktivitäten auf Ostfrankreich ausweiten sollte und dazu eines DELF B2 bedurfte.
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Baron Langfinger
Die hohe Kunst, seine Mitmenschen skrupellos um den Finger zu wickeln
Der als „Baron Langfinger“oder auch im Pfälzer-Dialekt De Mischtgiggel, Baron Nixnutz, genannte, in der ganzen Südpfalz berühmt berüchtigte und gefürchtete Herbert Regnery sollte ebenfalls im Kurs DELF tout public A2 bei Mademoiselle Simone landen und diesen auch vollends beglücken. Für ihn sollte das Französischlernen durchwegs sozio-therapeutische, wiedereingliedernde Funktionen erfüllen. Und dies hatte auch seinen wahrhaftigen Grund! Herbert Regnery kam aus einer in der ganzen Pfalz bekannten Architektendynastie in Neustadt an der Weinstraße. So war sein Vater als Stararchitekt der Urheber vieler berühmter moderner Wohnbauten, Wohnsiedlungen und öffentlicher Bauten im Großraum Ludwigshafen sowie in der gesamten Vorder- und Südpfalz. Als gelernter Treuhänder arbeitete Herbert lange Zeit bei einer Treuhandgesellschaft in Mannheim und dann auch in Landau. Doch seine Ehe mit der Chilenin Solange-Dolores Lopez sollte schneller in die Brüche gehen, als er sich dies wohl denken konnte. So verließ sie ihn mit den beiden kleinen Söhnen und kehrte wieder nach Chile zurück, nachdem sie ihn vor anderen Leuten immer wieder als Versager, Taugenichts und Nichtsnutz bloßgestellt hatte. Doch für Herbert sollte nun eine Welt in sich zusammenbrechen. Seine zwei Jahre ältere Schwester Jutta, welche in Bad Dürkheim Rechtsanwältin war, machte ebenfalls häufig Witze über ihn und schaute mit einer gewissen Verachtung auf ihren älteren Bruder herab. So sollte Herbert, welcher von einer extremen Mutterbindung geprägt war, auf fragwürdige Wege abstürzen. Und zwar konkret in Form seiner immer exzessiver werdenden Bordellbesuche in Karlsruhe, Mannheim oder auch Kaiserslautern. Aus Angst, bei seinen nächtlichen Unternehmungen vielleicht doch noch von irgendwelchen seiner Familie nahestehenden Bekannten gesichtet zu werden, mied er bei seinen fast allabendlichen „Routine-Sondereinsätzen“grundsätzlich Landau, Speyer und seine Heimatstadt Neustadt. Doch hin und wieder, wenn er bei einem Glas Bier mit Kumpels am Tresen einer Kneipe herumhing, erzählte er diesen allzu gern von seinen tschechischen Lieblingsdirnen: Jenny, Jessica und Cindy, von welchen er sich in einem zu einem Laufhaus umfunktionierten Container am Rande der Autobahn regelmäßig erotisch betreuen ließ. Da er bei seinem letzten Arbeitgeber in Landau wiederholt kleinere Sachen mitgehen ließ, sollte er dann schon recht bald einmal den blauen Brief erhalten. Versteht es sich doch von selbst, dass in einem Treuhandunternehmen jegliche Entwendungen natürlich als äußerst fehl am Platz eingeschätzt werden. Folglich musste sich Herbert von nun an in verschiedensten Callcentern, Fundraisingunternehmen sowie Marktforschungsinstituten auf magerer Stundenlohnbasis seinen Lebensunterhalt bitter und hart erstreiten. Doch der ihm enge finanzielle Schuh sollte ihn immer schmerzhafter drücken. Dies musste zwangsläufig mit sich bringen, dass Herbert begann, auf immer ungehemmtere Weise Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen und Verwandte um Geld anzupumpen. Kurz und bündig gesagt: Um seine zahlreichen Bordellbesuche beidseits des Rheines zwischen Worms und Baden-Baden überhaupt noch finanzieren zu können, pumpte Herbert immer skrupelloser seine Mitmenschen in seinem gesamten sozialen Umfeld um Geld an. Dies führte dazu, dass bereits in jenem Wohnblock, wo er nach seiner Trennung von Solange-Dolores eine kleine Zweizimmer-Wohnung bewohnte, sämtliche Nachbarn ihm aus dem Weg gingen und ihn bewusst schnitten. Und dies, weil er bereits bei seinen Nachbarinnen während der alltäglichen Tratschereien, sei es in der Waschküche oder im Werkraum, infolge seiner dreisten und unverfrorenen Schnorrerei inzwischen zum Gesprächsthema Nummer eins im Hause emporgestiegen war. Aber auch in den Callcentern und Fundraising-Firmen begannen die Mitarbeitenden ihm gegenüber immer misstrauischer zu werden. Muss noch hinzugefügt werden, dass ihm beide Banken, bei denen er seine Konten hatte, inzwischen jegliche Bank- und Kreditkarten infolge mangelnder Solvenz gesperrt hatten. So blieb ihm letzten Endes nur noch der Weg zu seiner vielgeliebten Mama! Dort jammerte er und klagte er sein Schmerzensleid: „Mama, ich brauche eine Bank oder ein Geldinstitut, damit ich meine Schulden für Solange-Dolores und meine Investitionen in Chile tilgen kann. Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll. Ich bringe mich ansonsten um! Bitte hilf du mir noch wenigstens!“Seine Mutter, Frau Hilde Regnery wusste daraufhin nur eines zu erwidern: „Kind, was du jetzt brauchst, ist keine Bank. Das, was du wirklich brauchst, ist ein Psychiater! Und zwar dringendst!“Da Herberts Schwester Jutta – als Rechtsanwältin – die Finanzen der gutmütigen und gebefreudigen Mutter zu deren Schutz strengstens überwachte, ließ sich Hilde nicht erweichen, sondern blieb hart und wollte ihm von nun an kein Geld mehr vorstrecken oder, besser gesagt, schenken. Doch Herbert konnte seine ungezügelte Bordellsucht nicht mehr kontrollieren und pumpte mit seinem stets freundlich kultiviert, charmant und immer sehr seriös wirkenden Auftreten – als wohlerzogener, kultivierter Sohnemann aus den besten Pfälzer Gesellschaftskreisen – alle nur irgendwo ihm willigen Personen in seinem sozialen Umfeld um Kohle an. Wenn ihm dann irgendjemand wieder ein paar hundert Euro ausgestreckt hatte, bedankte er sich stets mit den salbungsvollen, sanftmütigen Worten: „Ihnen mein bester Dank, Gesundheit und Gottes Segen!“Seine beste Waffe war die ständige Betonung seiner Herkunft aus dem alteingesessenen Pfälzer Großbürgertum. Wenn es ihm um einen höheren Geldbetrag ging, scheute er sich nicht, seinen gütigen Geldgebern auch vorzugaukeln, dass er sogar über ein paar Ecken ein entfernter Nachfahre des Malers Max Slevogt sei. Eine von ihm vollständig auserdachte, schönklingende Legende, welche, wie unzählige seiner Lügenmärchen, jeglicher reellen Grundlage entbehren sollte. Doch auch in diesem Falle hier sollte das Mittel über leider viel zu lange Zeit hinweg den Zweck heiligen. Folglich ließen sich viele leicht und gutgläubige Mitmenschen von seinen Leidensszenarien erweichen und streckten ihm das gewünschte Geld bis hin zu kleineren vierstelligen Beträgen vor. Und dennoch wollte er sich nicht zufriedengeben, sondern spielte sein Pokerspiel des Anpumpens ungehemmt, erbarmungslos, aber vor allem völlig unkontrolliert weiter. Eben voll und ganz nach dem Prinzip: Hier mal 50 Euro und da mal 100 Euro und ein weiteres Mal können es dann auch Mal 500 Euro oder gar 1000 Euro sein und so weiter und so fort. Auch in seinem Liebesleben sollte Herbert seinen Joker als wohlerzogener Sohn des Pfälzer Großbürgertums perfekt, mit stets lächelnder Miene, skrupellos ausspielen können. So beispielsweise mit Marija Petrovič, einer gutaussehenden, jungen, verheirateten Serbokroatin, welche zufälligerweise mit ihm im gleichen Telefoncallcenter arbeitete. Herbert verstand es spielend, der jungen, etwas leichtgläubigen Frau das Blaue vom Himmel zu versprechen. So lud er sie in Restaurants zum Essen ein und überhäufte sie mit kleinen Präsenten. Im Gegenzug ließ er sich stolz als Charmeur und Lover in Marijas sportlich-eleganter, dicker Karosse in der ganzen Vorderpfalz herumchauffieren. Ganz nach dem Motto: „Sie, als das junge, hübsche serbokroatische Mädchen neben dem weisen, lebenserfahrenen und väterlichen Rosenkavalier.“Jedoch sollten diese miesen, falschen Spielchen Marijas Ehemann Zoran Petrovič nicht änzlich verborgen bleiben. Dieser nahm wahr, dass seine Ehefrau immer öfter mit dem von ihm geleasten Cabrio ziellos unterwegs war. Als er dem ganzen miesen Spiel auf die Schliche kam, drohte er seiner Ehefrau prompt mit der Scheidung! Worauf diese dann, auch ihren beiden kleinen Kindern zuliebe, weitsichtig den Kontakt zu jenem Himmelhund namens Herbert Regnery abrupt abbrechen sollte. Was zweifelsohne eine sehr weise und kluge Entscheidung von Marija war! Doch das Blatt der Geschichte sollte sich dann für ihn auf einmal schneller wenden, als man dies anfänglich anzunehmen glaubte. Und so kam dann der Stein ins Rollen, als ein mit ihm im Callcenter zusammenarbeitender Prokurist von ihm plötzlich seine ihm ausgestreckten 500 Euro sofort rückverlangen sollte. Nach einer Phase des Vertröstens, des Liebkind-Spielens und des nach alter Manier wieder auf die Tränendrüsedrückens und Lügenmärchenerzählens von Seiten Herberts schlug der Prokurist mit seinem Anwalt eiskalt zu und erstattete prompt Strafanzeige wegen Betrugs und Unterschlagung eines privat ausgeliehenen Geldbetrages! Die daraufhin eingeleiteten gerichtlichen Untersuchungen und Abklärungen sollten dann ans Tageslicht bringen, dass sich Herbert Regnery im Laufe von zweieinhalb Jahren von über 60 verschiedenen Personen im Großraum Landau-Neustadt an der Weinstraße einen Gesamtbetrag von etwas mehr als 65.000 Euro erschwindelt beziehungsweise schamlos durch sein professionelles Theaterspielen ergaunert hatte. Um der daraufhin vom zuständigen Amtsgericht ausgesprochenen Haftstrafe von zwei bis fünf Jahren überhaupt noch entkommen zu können, blätterte „Mama Hilde“das Geld brav hin, um so mittels tätiger Reue ihren Filius „Herbi“, wie sie ihn immer kosevoll nannte, vor der „gefilterten Luft“ im „Café Viereck“ – also dem Strafvollzug – zu bewahren. Und letztlich auch, um den Ruf der pfalzweit gutangesehenen, alteingesessenen Bürgersfamilie trotz alledem noch retten zu können. Eine langjährige Haftstrafe auf Bewährung sollte ihm dennoch bevorstehen. Und die ihm im Volksmund gegebene Überbezeichnung Hildes Lumbebubbes – „Hildes Taugenichts“ – sollte er von nun an nicht mehr loswerden können. Dennoch konnte er trotz aller seiner Eskapaden spätestens nach dem Verscheiden seiner Mutter Hilde vom geerbten Vermögen eine schicke Eigentumsterrassenwohnung am Abhang des Pfälzer Waldes unweit seiner Heimatstadt Neustadt an der Weinstraße erstehen. Auch wenn Herbert Regnery aus gutem Hause kam und anscheinend auch über eine nicht schlechte Schulbildung verfügte, so hatte er doch offensichtlich im Kindergarten eine wichtige Weisheit nicht begriffen, welche die Kindergärtnerinnen gewöhnlicherweise ihren ihnen anvertrauten kleinen Schützlingen beibringen. Und zwar die Volkslehre: „Nichts ist so fein ersponnen, dass es nicht eines Tages doch kommt ans Licht der Sonnen!“Demzufolge unterzog sich Herbert Regnery nun einer intensiven Psychotherapie mit therapeutischem Resozialisierungsprogramm. Und genau zu diesem sollte dann auch der Kurs: DELF tout public A2 bei Mademoiselle Simone zählen. Herbert zeigte sich im Kurs stets als sehr ruhiger, gutmütiger, zurückhaltender Kursteilnehmer, der aus allzu verständlichen Gründen niemandem mehr zu nahetreten wollte, geschweige es nochmals gewagt hätte, irgendjemanden nur um einen einzigen Cent anzapfen zu wollen. Wusste er doch nur zu gut, dass er es gewaltig „im Salz liegen“ hatte. Und so ließe sich diesbezüglich zusammenfassend nur sagen: „Was Herbertchen nicht lernen wollte, musste nun der große dickbäuchige Herbert bitter und umso schmerzhafter lernen!“